Bei Volkswagen steht der nächste harte Einschnitt an. Konzernchef Oliver Blume will Europas größten Autokonzern bis 2030 neu aufstellen. In einem Interview mit der deutschen Bild-Zeitung sprach der 57-Jährige über Sparmaßnahmen, Überkapazitäten, den Standort Osnabrück, Rüstungsprojekte und den Kampf gegen die starke Konkurrenz aus China.
VW sei noch lange nicht aus der Krise, habe aber einen Plan, so Blume. Der Konzern habe vor drei Jahren begonnen, das Unternehmen komplett zu analysieren. Danach sei ein Zehn-Punkte-Programm gestartet worden, das inzwischen abgearbeitet sei. Die Transformation sei aber kein Projekt mit Anfang und Ende, sondern werde ein dauerhafter Prozess bleiben.
"Die Risiken werden nicht abnehmen“, so Blume. Der Wettbewerbsdruck werde weiter steigen. Gerade deshalb müsse Volkswagen nun in die nächste Phase der Transformation gehen.
Im Zentrum stehen laut Blume Elektromobilität, Digitalisierung, vernetzte Fahrzeuge und künstliche Intelligenz. Zugleich müsse der Konzern robuster werden. Blume erklärte indirekt, VW müsse finanziell stärker aufgestellt werden, um die kommenden Jahre zu überstehen. Er betonte aber auch, dass Krisen für Volkswagen eine Chance sein könnten.
Bis 2030 sollen rund 50.000 Konzernmitarbeiter gehen. Blume begründet das mit massiven Überkapazitäten. VW sei ursprünglich auf mehr als zwölf Millionen Fahrzeuge ausgelegt gewesen. Aktuell liegt VW bei zehn Millionen. Realistisch seien in den kommenden Jahren aber rund neun Millionen verkaufte Fahrzeuge. Damit bleibe laut Blume eine Überkapazität von etwa einer Million Fahrzeugen.
Werksschließungen will Blume dennoch vermeiden. Er sprach von "intelligenten Lösungen", die man gemeinsam suchen wolle. Besonders im Fokus steht dabei der Standort Osnabrück. Dort sollen ab 2027 keine Produkte des Volkswagenkonzerns mehr gebaut werden. Stattdessen führt VW Gespräche mit Unternehmen aus der Verteidigungsbranche.
Blume sagte dazu, er sei zuversichtlich, dass noch heuer eine Entscheidung fallen werde. Deutschland müsse verteidigungsfähig werden, der Konzern könne mit dem Wissen bei der Automatisierung und der Qualifikation der Belegschaft in Osnabrück einen Beitrag leisten. Er sehe das "sogar als notwendigen Beitrag für die Stabilisierung der Demokratie".
Gleichzeitig zog der VW-Chef eine klare Grenze. Auf die Frage, ob Volkswagen künftig Waffen produzieren werde, antwortete Blume deutlich: "Wir werden keine Waffen produzieren." Möglich seien aber Fahrzeuge für militärischen Transport oder auch Verteidigungssysteme. Von Panzern sei nicht die Rede.
Auch für Autokäufer könnte der Umbau Folgen haben. Blume stellte in Aussicht, dass sinkende Kosten am Ende auch den Preisen zugutekommen sollen. VW habe ein großes Kostenproblem, sagte er sinngemäß. Die Kosten müssten insgesamt runter.
Der Konzernchef betonte: "Wir werden nicht bei der Qualität sparen." Im Gegenteil, bei der Qualität wolle Volkswagen weiter zulegen. Eine bessere Qualität senke auch Garantiekosten. Der Druck komme vor allem aus China. Chinesische Hersteller seien auf der Kostenseite besonders stark und könnten deshalb sehr günstig anbieten.
VW will deshalb sein Modellangebot straffen. Es soll weniger Produkte geben, diese dafür aber klarer auf einzelne Kundengruppen zugeschnitten. Auch die Zahl der Extra-Ausstattungen soll sinken. Das reduziere Komplexität, senke Entwicklungskosten und helfe am Ende beim Preis.
China sieht Blume nicht nur als Konkurrenz, sondern auch als Lernfeld. VW habe die Strategie dort umgestellt: mehr Entwicklung in China, für China. Heuer sollen dort noch 20 neue Produkte auf den Markt kommen, bis Ende 2027 insgesamt 30 und bis 2030 sogar 50. Blume sprach laut Bild-Zeitung von einem "riesigen Produktfeuerwerk".
Den Standort Deutschland schreibt der VW-Chef trotzdem nicht ab. Ganz entscheidend werde aber auch sein, dass man in Deutschland – etwa Stichwort Industriekosten für Strom – die richtigen Rahmenbedingungen bekomme. Politik und Industrie müssten gemeinsam dafür sorgen, dass der Standort für die Zukunft gesichert werde.
Die hohen Benzinpreise könnten laut Blume der Elektromobilität in Europa helfen. Für manche Kunden könnte das die Motivation sein, nun doch auf ein E-Auto umzusteigen. In drei Jahren will der VW-Chef noch einmal einen deutlichen Sprung bei Design, Qualität, Technologie und Kosten sehen. Bei den Kosten peilt er eine Verbesserung um 30 Prozent an.