"Gletscherzunge kollabiert"

Nepal-Katastrophe: Experten ziehen Atombomben-Vergleich

Nach der tödlichen Sturzflut verdichten sich Hinweise auf einen Gletscherkollaps. Experten vergleichen die Energie mit der Hiroshima-Explosion.
Roman Palman
27.08.2026, 19:12
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Nach der verheerenden Sturzflut, die Mittwochmorgen im nepalesischen Bhotekoshi-Tal ganze Ortsteile vernichtet und hunderte Menschen getötet hat, kommen immer mehr Details zum mutmaßlichen Auslöser der Naturkatastrophe ans Licht.

Nach aktuellem Kenntnisstand nahm sie ihren Ausgang an der Nordwand des 7.245 Meter hohen Bergs Langtang Lirung. "Erste Befliegungen und Satellitenbilder zeigen, dass offenbar eine Gletscherzunge kollabiert ist", fasst es Martin Mergili von der Universität Graz gegenüber dem "Standard" zusammen. Der Spezialist für hochalpine Erd- und Bergrutsche lehrt derzeit am Institut zur Erforschung des Tibet-Plateaus der Chinesischen Akademie der Wissenschaften.

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Der betreffende Gletscher befindet sich zwischen dem Langtang Lirung und dem benachbarten Tsangbu Ri auf etwa 5.200 Metern. Ob die Eismassen von selbst brachen, oder durch einen zuvor erfolgten Felssturz gelöst wurden, ist unklar. Die Folge war eine katastrophale Kette von Ereignissen.

Eine Satellitenaufnahme zeigt einen eingestürzten Gletscher am Langtang Lirung (rechts unten) nach der verheerenden Schlammlawine. Im weiteren Talverlauf links liegt der Grenzübergang Gyirong / Rasuwagadi.
USGS/Landsat 9/Handout via REUTERS

Rund 30 Millionen Kubikmeter an Material – dreimal mehr als bei der Bergsturz-Katastrophe im Schweizerischen Blatten – dürften sich gelöst und rund einen Kilometer (!) in die Tiefe gestürzt sein.

"Dieses Material hat sich dann in ein energiereiches Gemisch aus Eis, Schutt und Wasser verwandelt, das mit hoher Geschwindigkeit – 100 Kilometer pro Stunde und mehr – talabwärts gerast ist", so Mergili.

Experten des Dienstes "Backpirch Weather" kamen zum selben Schluss: Ein hunderte Meter breiter Teil des Gletschers sei abgebrochen und in die Tiefe gestürzt. Die Wucht des Aufpralls habe "6,3 Prozent der Hiroshima-Atomexplosion" entsprochen.

"Beim Aufprall wurde dieser riesige Eisbrocken pulverisiert und eine gewaltige, über 30 Meter hohe Flutwelle aus Gletscherwasser, Geröll und Schlamm strömte in den nahegelegenen Trishuli-Fluss. Durch Nepals extrem steiles und zerklüftetes Gelände kanalisiert, verwandelte sich die daraus resultierende Flutwelle für die unmittelbar flussabwärts gelegenen Gemeinden in eine tödliche Wand aus Wasser und Geröll", heißt es von Backpirch.

Kein Erdbeben

Das wurde um 8.37 Uhr Ortszeit auch von Seismographen in der Region erfasst. Anfängliche Einschätzungen, dass die Katastrophe möglicherweise durch ein Erdbeben ausgelöst wurde, wurden inzwischen revidiert.

"Weitere Analysen der langperiodischen seismischen Wellen deuten darauf hin, dass die seismische Energie vielmehr durch einen Gletschereinsturz und einen Murgang erzeugt wurde", schreiben die Experten des United States Geological Survey (USGS). Das bestätigt auch der österreichische Fachmann.

Woher die mittransportierten Wassermassen stammen, ist noch Gegenstand weiterer Nachforschungen. Einen Gletscherrandsee, der bei ähnlichen Ereignissen oft eine Rolle spielt, soll es in diesem Fall nicht gegeben haben.

Gegenüber dem "Spiegel" erklärt Dan Shugar von der Universität Calgary, dass Eismassen beim Sturz aus großer Höhe schnell zu flüssigem Wasser werden könnten, dies aber die Wassermengen im konkreten Fall nicht vollständig erklären könne.

Der chinesischen Grenzübergang Gyirong / Rasuwagadi in dieser Talgabelung wurde durch die Dutzende Meter hohe Wand aus Felsen, Schlamm und Wasser innerhalb von Sekunden vollständig zerstört.
Europäische Union / Copernicus Sentinel-2 via Reuters

Wenige Sekunden

Mit welcher Wucht und Geschwindigkeit die Sturzflut durch das Tal fegte, wurde von einer Überwachungskamera am Grenzübergang Gyirong / Rasuwagadi in erschütternder Klarheit festgehalten:

Der Grenzübergang befand sich nur wenige Kilometer talabwärts vom auslösenden Gletscherbruch. Die Aufnahmen von der chinesischen Seite zeigen, wie Gebäude, Fahrzeuge und Menschen innerhalb von Sekunden verschluckt werden.

Alleine die nepalesischen Behörden zählten bis Donnerstagabend Ortszeit mehr als 350 Todesopfer, mindestens 1.500 Menschen galten als vermisst.

{title && {title} } rcp, {title && {title} } Akt. 27.08.2026, 22:20, 27.08.2026, 19:12