Alarmierendes Bild

"Nur 15 Euro pro Tag zum Leben" – Sparen ist unmöglich

Zahlen der Caritas-Sozialberatung zeichnen alarmierendes Bild von Armut in Österreich. Die Armutszahlen bleiben auf hohem Niveau, der Druck steigt.
André Wilding
19.05.2025, 21:27
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Im Jahr 2024 haben sich mehr als 50.000 Menschen an die Sozialberatungsstellen der Caritas gewandt, mit ihren Familienmitgliedern sind das rund 106.000 Menschen. Seit 2022 ist das ein Anstieg um fast 40 Prozent. Zurückzuführen ist das vor allem auf die Teuerungen. Insbesondere im Bereich Energie haben viele Menschen Unterstützung erhalten.

Die Krisenjahre haben Spuren hinterlassen: Armut hat zugenommen – und sie bleibt auf diesem hohen Niveau bestehen. "Die Caritas-Sozialberatung ist ein Seismograf für Notlagen und zeigt klar: Armut ist Alltag für viele. Diese Menschen können nicht sparen, sie können sich das Nötigste nicht leisten!", schildert Anna Parr, Generalsekretärin der Caritas Österreich. "Wer nur 15 Euro pro Tag zum Leben hat, spürt jeden gekürzten Euro sofort", Parr weiter.

Haushalte mit geringem Einkommen betroffen

Konkret gestrichen werden der Klimabonus und die Inflationsanpassung bei zentralen Familienleistungen. Gleichzeitig behalte der Staat laut Caritas ein Drittel der kalten Progression ein, das bislang auch für armutsmindernde Maßnahmen genutzt wurde. Von diesen Kürzungen seien vor allem Haushalte mit geringem Einkommen, Mehrkindfamilien und Alleinerziehende betroffen – und damit vor allem Frauen und Kinder.

Zwar enthält das Doppelbudget laut Caritas Österreich auch richtige Ansätze wie ein zweites verpflichtendes Kindergartenjahr oder einen Unterhaltsfonds. Auch das Regierungsprogramm sehe sinnvolle Maßnahmen vor, die finanziell schlechter gestellte Haushalte unterstützen werden. Details zu Zeitpunkt und Umfang sind jedoch noch offen.

Essen, Kleidung, Reparaturen und Co.

"Die sehr zeitnah geplanten Kürzungen sind bereits bekannt, ihre Folgen werden unmittelbar spürbar sein. Nach Abzug der Wohn- und Energiekosten bleiben den Menschen, die sich in der Sozialberatung an uns wenden, schon jetzt im Durchschnitt nur noch 15 Euro pro Tag für alles andere. Essen, Kleidung, Reparaturen, Schulmaterialien, Medikamente, Freizeitgestaltung", heißt es von Seiten der Caritas.

Mit den jetzt im Budget vorgesehenen Maßnahmen werde "der Druck für armutsbetroffene Haushalte noch größer werden". In der Caritas-Sozialberatung bestätige sich, was auch die Armutsstatistik (EU SILC) aufzeigt. Die Krisenjahre haben Spuren hinterlassen. Armut verfestigt sich. Schon jetzt ist ein Drittel aller Familien mit Kindern armutsgefährdet.

"Gesundheit massiv eingeschränkt"

"43 Prozent der von uns in der Sozialberatung betreuten Haushalte beziehen Familienleistungen. Wer hier kürzt, bedroht die Existenz dieser Familien. Im Jahr 2024 hat die Caritas Sozialberatung rund 30.000 Kinder unterstützt. Ihre Chancen auf Bildung, Gesundheit und soziale Teilhabe sind bereits jetzt massiv eingeschränkt", so die Caritas.

Diese Realität stehe im Widerspruch zum Regierungsziel, die Kinderarmut bis zum Jahr 2030 zu halbieren. Viele der Hilfesuchenden, die in die Caritas-Sozialberatung kommen, sind Alleinerziehende oder leben allein. Sie tragen allein die Verantwortung für Haushalt, Einkommen und Kinder.

Besonders stark trifft die Teuerung Familien mit mehreren Kindern. Auch Menschen mit gesundheitlichen Einschränkungen, Pflegeverpflichtungen oder niedrigen Pensionen wenden sich an uns. Und: Es sind nicht nur Erwerbsarbeitslose. In jedem vierten Haushalt gibt es Arbeit, aber das Einkommen reicht trotzdem nicht.

Frauen tragen die Hauptlast

Frauen machen 55 Prozent der Hilfesuchenden in der Caritas-Sozialberatung aus. Sie übernehmen den Großteil der Care-Arbeit: Sie betreuen Kinder, pflegen Angehörige und führen den Haushalt – oft zusätzlich zu schlecht bezahlter oder Teilzeitarbeit. Gleichzeitig verfügen sie über deutlich weniger eigenes Einkommen und Vermögen. Für viele Frauen sichern Familienbeihilfe oder Kinderbetreuungsgeld das Überleben.

"Gerecht handeln!"

"Armut muss ins Zentrum der politischen Aufmerksamkeit rücken. Mit 336.000 Betroffenen ist die Zahl nach wie vor hoch. Das darf nicht länger ignoriert werden", fordert Anna Parr. "Ein Budget muss auf Solidarität setzen. Das bedeutet, dass nicht alle gleich viel beitragen können. Armutsbetroffene Menschen und Familien müssen geschützt werden."

Parr: "Jene Teile des Budgets, die so direkte Auswirkungen auf armutsbetroffene Menschen haben werden, dürfen nicht in dieser Form beschlossen werden. Armutsbetroffene Menschen können nicht denselben Beitrag zur Budgetkonsolidierung leisten wie andere."

Die Forderungen

- Die Valorisierung der Familienleistungen muss beibehalten werden. Sie sichern Existenzen.

- Sozial gestaffelter Klimabonus statt Pauschalstreichung.

- Schnelle Einführung einer Kindergrundsicherung bei gleichzeitiger Überarbeitung des Familienbonus Plus. Dieser unterstützt aktuell vor allem höhere Einkommen, nicht aber Haushalte mit niedrigerem Einkommen.

- Schaffung einer Datengrundlage für zielgerichtete Hilfen: Denn nur, wenn wir die Einkommenssituationen in den Haushalten kennen, kann treffsicher unterstützt und gespart werden.

- Die im Regierungsprogramm angekündigten wichtigen Maßnahmen zur Armutsprävention müssen jetzt rasch und vorrangig umgesetzt werden. Dazu zählen insbesondere die Kindergrundsicherung, der Unterhaltsfonds, der Energie-Sozialtarif und Maßnahmen für leistbares Wohnen.

"Budget braucht dringend Korrekturen"

"Wer Armut bekämpfen will, muss dort handeln, wo der Druck am größten ist: bei den Menschen, die mit jedem Euro rechnen müssen. Die Bundesregierung darf diesen Druck nicht durch Kürzungen noch erhöhen. Dieses Budget braucht dringend Korrekturen. Denn eine solidarische Gesellschaft lebt davon, dass Politik Verantwortung übernimmt – und niemanden zurücklässt", so Anna Parr.

{title && {title} } wil, {title && {title} } 19.05.2025, 21:27
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