In der Früh war die Luft über dem verschneiten Sonnenblumenfeld in der Brennereistraße noch ganz ruhig. Dann kamen sie – zuerst ein paar Dutzend, dann Hunderte. Ein graubraunes Band, das mit leisem Surren aus dem Norden heranzog, über die trockenen Sonnenblumenstängel glitt und sich plötzlich zusammenballte, als hätte jemand Wasser in eine Form gegossen.
Bluthänflinge. 400, 500, am Ende wohl an die 800 Vögel, dazu noch zig Stieglitze, Berg- und Buchfinken sowie Grünlinge, allesamt auf einem einzigen Hektar versammelt. Wer im Winter am Ortsrand von Hörtendorf unterwegs war, blieb stehen, schaute dem magischen Schauspiel zu und vergaß fast, weiterzugehen.
Das Sonnenblumenfeld am Rand von Klagenfurt war heuer alles andere als ein normaler Acker. Ohne es geplant zu haben, wurde es wohl zur wichtigsten Winternahrung für Körnerfresser, die Kärnten diesen Winter gesehen haben. Auf ornitho.at, wo vogelkundliche Daten gesammelt werden, häuften sich von Dezember bis Ende Februar die Meldungen: über 1.000 Bluthänflinge im Raum Klagenfurt, immer wieder aufgeteilt, immer wieder neu versammelt, mit Hörtendorf als Lieblingsort.
Wer nur kurz hinschaute, sah einen Schwarm, der wie flüssig durch die Luft zog, sich ballte, auseinanderbrach und wieder neu formierte – ein Schauspiel, das die Leute aus Hörtendorf jeden Tag an dieselbe Stelle lockte. Wer länger blieb, entdeckte noch mehr.
Denn wo viele kleine Singvögel sind, lassen die Jäger nicht lange auf sich warten. Mindestens zwei bis drei Sperber – spezialisiert auf kleine Singvögel – schauten in Hörtendorf mehrmals täglich vorbei und waren oft erfolgreich. Was aus der Ferne wie ein harmloses Flattern aussah, war in Wahrheit ständige Alarmbereitschaft. Der Schwarm kreiste minutenlang über dem Feld, brach Landeversuche ab, flog wieder auf, setzte neu an, zog weiter. Fressen, aufschrecken, kreisen, wieder ansetzen.
Folgende Vögel bleiben uns im Winter treu:
Der Bluthänfling frisst fast ausschließlich Samen und ist in Kärnten noch nie in solchen Mengen gesehen worden. Dass gerade ein Sonnenblumenfeld zum Winterquartier für so viele Vögel wurde, ist also kein Zufall. Die Forschung zeigt schon lange, dass samenreiche Flächen für Finken im Winter besonders wichtig sind. Ein Feld wie das in Hörtendorf ist für sie wie ein Jackpot – aber auch ein gefährlicher Ort.
Das Feld gehört Anna Tauschitz und Joel Flück vom Gut Nusshof, einem Biobetrieb in Hörtendorf. Eigentlich wollten sie daraus Sonnenblumenöl machen. Doch im Herbst spielte das Wetter nicht mit, und als die Ernte endlich möglich gewesen wäre, hatten die Vögel das Feld pünktlich entdeckt. Rund eine Tonne Sonnenblumenkerne blieb so auf dem Acker stehen. Tauschitz und Flück ließen das ganz bewusst so.
„Die Vögel machten uns allen eine große Freude, und sie hatten eine ergiebige Nahrungsquelle, die ihnen half, den Winter gut zu überstehen.“Anna Tauschitz
Bis zum letzten Kern wurde das Feld genutzt. Für die hungrigen Vögel war es ein riesiger, über Wochen geöffneter Vorratsspeicher. Diese Entscheidung passt zum Zugang des Betriebs. Der Nusshof macht schon seit Jahren beim Vogelschutz-Heckenprojekt von BirdLife Kärnten mit. "Hecken sind für viele Vogelarten Nahrungsquelle, Rückzugsraum und Brutplatz zugleich", betont Joel Flück ihr Engagement.
Folgende Hecken sind für die Artenvielfalt ein echter Jackpot:
Natürlich rettet ein Sonnenblumenfeld keine Vogelart vor dem Aussterben. Es ersetzt auch keine vielfältige Landschaft mit Hecken, Brachen und samenreichen Flächen. Aber für diesen Winter, an diesem Ort, hat es einen Unterschied gemacht – für mehr als tausend Vögel, die so die härtesten Monate überstehen konnten.
Vielleicht ist genau das die wichtigste Erkenntnis aus diesem besonderen Schauspiel, das die Hörtendorfer heuer erleben durften. Vogelschutz beginnt nicht immer mit großen Programmen. Oft reicht es, einfach einmal etwas stehenzulassen.