Über eine Milliarde Euro Budget, 760 Millionen aus der verpflichtend eingehobenen Haushaltsabgabe, 75 Prozent (!) Online-Reichweite – schon jetzt bleibt für private Medien neben dem übermächtigen ORF in Österreich kaum Markt übrig, um erfolgreich wirtschaften zu können. Viele Häuser mussten in den vergangenen Monaten Personal abbauen, da Werbegelder zusehends zu den Silicon-Valley-Giganten abfließen.
Gedopt mit einer Doppelfinanzierung aus Haushaltsabgabe und Werbeerlösen (der ORF erhielt mit 25,6 Millionen Euro 2025 auch das meiste Geld von öffentlichen Stellen) kann der ORF schon jetzt die größte Redaktionsleistung des Landes erbringen. Die Vorgänger-Regierung hat zudem die "blaue Seite" orf.at kaum limitiert, im Gegenteil: Im Zukunftsmarkt schlechthin – dem Bewegtbild-Angebot, bei dem weitaus höhere Werbe-TKP als bei bloßem Textangebot erlöst werden können – bekam der Küniglberg-Sender ein regelrechtes Online-Eldorado gezimmert.
Bis zum zuständigen SPÖ-Minister Andreas Babler dürfte sich das noch nicht herumgesprochen haben. "Wir haben in den vergangenen zwei Tagen viele konkrete Vorschläge aus den Arbeitsgruppen gehört: Der ORF muss etwa von seinen digitalen Fesseln befreit werden, er braucht mehr Formate für junge Menschen", ließ er sich in einer Medien-Depesche seines Hauses zitieren.
Einmal mehr wird deutlich, wie wenig Ahnung Babler vom Medienmarkt hat. Es ist der dritte veritable Flop binnen weniger Wochen: Gegen seine neue Medienförderung sprachen sich acht von neun Bundesländern und die Wettbewerbsbehörde aus. Die Bundesstaatsanwaltschaft – ein weiteres rotes Prestigeprojekt – musste die rote Justizministerin nun nach Hunderten niederschmetternden Rückmeldungen gar zurückziehen.
Viele Baustellen also. Und Babler? Der wählte die Flucht nach vorn, lud zum ORF-Zukunftsforum. 200 ausgewählte Personen sollten sich für ihn den Kopf darüber zerbrechen, wie der Öffentlich-Rechtliche "schlanker, digitaler, transparenter, bürgernäher, regionaler und nachhaltiger" werden könnte.
Kritiker hatte er erst gar nicht geladen. Selbst Betriebsräte und die Mehrzahl der ORF-Stiftungsräte durften nicht dabei sein. Als Begleitmusik lieferte der ORF eine Belangsendung in eigener Sache, die kaum jemand interessierte. Die bescheidenen Einschaltquoten: 298.000 Seher zur Primetime (!) – Marktanteil: magere 14 Prozent.
Echte Branchenkenner rechneten schonungslos mit Bablers ORF-Sesselkreis ab: So sprach etwa "Kronehit"-Boss Philipp König von einer "Farce", das ORF-Zukunftsforum sei "reine Inszenierung" gewesen. König verließ die Veranstaltung entnervt. Seine Erklärung auf LinkedIn: "Private Marktteilnehmer wurden durch eine bewusste Einladungspolitik gezielt in der Minderheit gehalten, um eine einseitige Meinungsbildung zu suggerieren. Unter diesen Voraussetzungen ist eine weitere konstruktive Teilnahme für mich nicht tragbar."