Was haben ein Eisbär in Wien und die Sicherheit der Menschen in der kanadischen Arktis gemeinsam? Künftig möglicherweise eine ganze Menge! Denn das Eisbären-Männchen aus dem Tiergarten Schönbrunn bekommt eine besondere Aufgabe: Es soll dabei helfen, eine künstliche Intelligenz zu trainieren, die seine wild lebenden Artgenossen rechtzeitig erkennt – und ihnen damit womöglich das Leben rettet.
Der Hintergrund ist ernst: Durch den Klimawandel schmilzt das arktische Meereis, auf dem Eisbären normalerweise Robben jagen. Die Tiere müssen in manchen Regionen immer längere Zeit an Land verbringen. Dadurch steigt auch die Gefahr, dass sie menschlichen Siedlungen zu nahe kommen. Solche Begegnungen können für beide Seiten tödlich enden.
Die Artenschutzorganisation Polar Bears International (PBI) hat deshalb bereits ein KI-gestütztes Radarsystem namens "Bear-dar" entwickelt, das herannahende Eisbären erkennt und Menschen warnt. In der kanadischen Arktis wurde die Technologie bereits erfolgreich eingesetzt. Allerdings ist sie kostspielig.
Nun soll mit "Bear-vision" eine günstigere Alternative entstehen. Statt Radar nutzt das neue System Videobilder, auf denen eine künstliche Intelligenz Eisbären automatisch identifizieren soll. Dafür muss die Software allerdings erst lernen, wie die weißen Riesen unter unterschiedlichsten Bedingungen aussehen.
Genau hier kommt Schönbrunn ins Spiel: Der Tiergarten stellt Videoaufnahmen seines Eisbären-Männchens zur Verfügung – bei Sonnenschein, schlechtem Wetter und unterschiedlichen Lichtverhältnissen. So soll die KI künftig auch in der rauen Arktis zuverlässiger erkennen können, wenn sich ein Eisbär nähert.
„Werden die Tiere frühzeitig erkannt, lassen sich gefährliche Situationen vermeiden. Das schützt nicht nur Menschen, sondern kann auch verhindern, dass Eisbären bei Konflikten verletzt oder getötet werden“Stephan Hering-Hagenbeck Tiergartendirektor
Doch der Wiener Eisbär leistet noch einen weiteren Beitrag zum Artenschutz. Durch regelmäßiges medizinisches Training lernt er, freiwillig sein Maul zu öffnen, auf eine Waage zu steigen oder sich Blut abnehmen zu lassen – ganz ohne Narkose.
Die dabei gewonnenen Blutproben liefern wertvolle Referenzdaten, mit denen Wissenschaftler Untersuchungsergebnisse wild lebender Eisbären besser beurteilen können.
Anlässlich der internationalen Polar Bear Week vom 1. bis 7. November macht der Tiergarten Schönbrunn auf das Forschungsprojekt aufmerksam. Und vielleicht sorgt der Wiener Eisbär mit seinen Videoauftritten eines Tages tatsächlich dafür, dass seine wilden Verwandten sicherer durch die Arktis streifen können.