Bisherige Schätzungen, darunter eine Analyse des Weltbiodiversitätsrats IPBES, gingen von rund 50.000 international gehandelten Arten aus. Eine neue Studie im Fachjournal "Science Advances" kommt allein bei den Tieren auf mehr als 47.000 Arten. Dazu kommen fast 50.000 genutzte Pflanzenarten sowie Pilze.
„Wenn wir an den Handel mit wildlebenden Arten denken, denken wir meist an den illegalen Handel mit Elefanten, Tigern und Schuppentieren. Aber es geht um sehr viel mehr.“Alice Hughes Studienleiterin
Der Großteil des Handels ist legal. Sein jährlicher Wert liegt laut Berechnungen der Forscher bei 220 bis 300 Milliarden US-Dollar, also umgerechnet 197 bis 268 Milliarden Euro. Der illegale Handel macht geschätzte 28,4 bis 39,5 Milliarden Dollar aus, wie orf.at berichtet.
Wie schwer die Folgen einer nicht nachhaltigen Entnahme sein können, zeigt ein weiterer Befund: Bei Arten, zu denen entsprechende Daten vorliegen, sind die Bestände gehandelter Populationen im Schnitt um 50 bis 60 Prozent kleiner als jene nicht gehandelter Populationen.
Der Handel hat laut Studie direkt oder indirekt zum weltweiten Aussterben von 294 Arten beigetragen. Weitere 25 Arten sind in freier Wildbahn verschwunden und überleben nur noch in menschlicher Obhut. In 192 Fällen sind Populationen in einzelnen Regionen vollständig verschwunden.
Wie groß der Handel tatsächlich ist, lässt sich bisher nur schwer verlässlich bestimmen. Das Washingtoner Artenschutzübereinkommen CITES erfasst vor allem den internationalen Handel mit gefährdeten Arten. Andere Datenbanken konzentrieren sich etwa auf Fischerei oder Holz.
In den USA gibt es bereits eine vergleichsweise umfassende Erfassung: Das Informationssystem Lemis dokumentiert seit dem Jahr 2000 den Handel mit mehr als 21.000 wild lebenden Tierarten. In vielen anderen Ländern fehlen vergleichbare Daten. Laut der Studie waren 25 Prozent der erfassten gehandelten Vogelarten ausschließlich in der US-Datenbank verzeichnet. Bei Säugetieren waren es sogar 54 Prozent.
Auch in Europa könnte der Handel ähnlich groß oder größer sein als in den USA. Mangels zugänglicher Daten lässt sich das aber nicht überprüfen. "Das Problem ist, dass wir es schlicht nicht wissen: Die Daten sind nicht öffentlich zugänglich und entsprechen möglicherweise nicht den Standards, die nötig wären, um das tatsächliche Ausmaß des Handels zu erfassen", sagte Hughes.
Die Wissenschaftler fordern deshalb eine systematischer und international abgestimmte Erfassung. Bestehende Zoll- und veterinärrechtliche Kontrollen könnten genutzt werden, um Handelsdaten umfassender zu dokumentieren. Hughes betonte: "Wenn wir es ernst meinen mit dem Ziel, den Verlust der biologischen Vielfalt aufzuhalten, brauchen wir eine wesentlich umfassendere, transparentere und weltweit koordinierte Dokumentation des Handels mit wild lebenden Arten."