Nach dem Rücktritt von ORF-Generaldirektor Roland Weißmann steht der gebührenfinanzierte Medienkonzern vor wichtigen Entscheidungen. Eine zentrale Rolle übernimmt dabei die ehemalige "Zeit im Bild"-Moderatorin und jetzige Radiodirektorin Ingrid Thurnher: Sie wird vorläufig mit der Leitung des ORF betraut und muss nun auch über Weißmanns Dienstverhältnis entscheiden.
Der bisherige ORF-Chef war bereits am Sonntag zurückgetreten. Auslöser waren Vorwürfe einer Mitarbeiterin wegen Fehlverhaltens – es gilt die Unschuldsvermutung. Am Mittwoch erklärten Stiftungsratsvorsitzender Heinz Lederer (SPÖ) und sein Stellvertreter Gregor Schütze (ÖVP) in einem Pressegespräch die Hintergründe und das weitere Vorgehen.
Lederer wies dabei Vorwürfe zurück, Weißmann zum Rücktritt gedrängt zu haben. "Von einer Drucksituation kann nicht die Rede sein", sagte Lederer. Später stellte er unmissverständlich klar, es habe keine Drucksituation im Sinne von "Tritt endlich zurück" gegeben.
Laut Lederer und Schütze wurden sie bereits vergangene Woche über die Vorwürfe informiert. Daraufhin forderten sie Weißmann auf, die Anschuldigungen innerhalb von 48 Stunden zu klären. Parallel dazu wurde ein Termin mit der Leiterin der Compliance-Stelle vereinbart, um die Vorwürfe zu prüfen.
Die Compliance-Stelle soll nun für "umfassende Aufklärung der Causa in allen Facetten, mit allen Hintergründen" sorgen, betonte Schütze. Zusätzlich könne auch eine externe Firma mit einer weiteren Prüfung beauftragt werden.
Begleitet wurden die Gespräche mit Weißmann laut der Tageszeitung "STANDARD" vom Arbeitsrechtler Roland Gerlach. Er soll die arbeitsrechtlichen Aspekte am Donnerstag auch im ORF-Stiftungsrat darlegen.
Auch eine sogenannte "Task Force" zur Unternehmenskultur im ORF wird eingerichtet. Federführend dabei: Arbeitsrechtlerin und Verfassungsrichterin Sieglinde Gahleitner sowie die frühere Wiener ORF-Landesdirektorin Brigitte Wolf.
Für Lederer zeigt der Fall auch strukturelle Probleme auf: "Es gibt schon ein Problem, wenn eine betroffene Mitarbeiterin einen Anwalt einschalten muss", sagte er. Im ORF gebe es mehrere Anlaufstellen, etwa eine Whistleblower-Hotline, eine Gleichbehandlungsbeauftragte oder die Compliance-Stelle.
Mit dem Rücktritt ist Weißmann rechtlich wieder einfacher Mitarbeiter im ORF. Damit ist nicht mehr der Stiftungsrat zuständig, sondern die neue Generaldirektorin. Lederer erklärte: "Die Generaldirektorin muss sich ein Bild machen, mit ihrem Team bewerten und danach handeln." Weißmann kehrt formal in seine frühere Funktion als Chef Producer zurück, ist derzeit jedoch beurlaubt.
Parallel dazu wird die Position des ORF-Generaldirektors gleich zweimal ausgeschrieben: einmal für die Übergangszeit bis Jahresende und danach für die reguläre Funktionsperiode von 2027 bis 2031. Lederer hofft jedenfalls auf zahlreiche Bewerbungen.
Trotz der Turbulenzen sieht die ORF-Spitze den Sender arbeitsfähig - auch mit Blick auf kommende Großprojekte wie den Eurovision Song Contest! "Wir sind voll funktionsfähig", stellte Lederer klar.