Kahlschlag am Land

Adeg-Märkte – Boss verärgert über Öffnungszeiten-Posse

Kein Bäcker, keine Milch, kein Greißler: Hunderte Orte stehen bereits ohne Nahversorger da. Eine simple Reform könnte helfen – doch nichts passiert.
Team Wirtschaft
21.09.2026, 05:25
Loading...
Angemeldet als Hier findest du deine letzten Kommentare
Alle Kommentare
Meine Kommentare
Sortieren nach:

Kommentare neu laden
Nach oben
Hör dir den Artikel an:
00:00 / 02:45
1X
BotTalk

Es ist eine österreichische Gesetzes-Posse, die man erst einmal verstehen muss: Holt man sich am Sonntag, um Mitternacht oder vor Sonnenaufgang – also egal wann – in einem Automaten-Shop eine Wurstsemmel oder ein Cola, ist das vollkommen legal. Betritt man jedoch ein Geschäft, nimmt die Ware selbst aus dem Regal und zahlt an einer Selbstbedienungskasse – alles ebenfalls ganz ohne Personal, schiebt der Gesetzgeber dem einen Riegel vor.

"Klingt komisch, ist aber so", bringt es Florian Klein, Geschäftsführer des Rewe Großhandels und damit Chef hinter den Adeg-Kaufleuten, auf den Punkt. "Warum ist das gesetzlich anders? Wenn ich in das Geschäft reingehe, zuerst die Ware nehme und dann bezahle, darf ich nicht öffnen. Und wenn ich Geld in einen Automaten einwerfe und mir dort die Wurstsemmel oder das Cola raushole, dann darf ich's. Also ich versteh's nicht, unsere Kunden auch nicht."

"Heute" auf Google als bevorzugte Quelle festlegen

Was hinter den "Hybridmärkten" steckt

Stein des Anstoßes sind Hybridmärkte. Ein Begriff, der vielen Konsumenten noch wenig sagt, hinter dem aber ein mögliches Rezept gegen das Ladensterben am Land stecken könnte.

Das Prinzip: Zu den regulären Kernzeiten tagsüber stehen Kauffrau, Kaufmann oder die Mitarbeiter hinter der Theke, beraten und schneiden Wurst und Käse auf. Außerhalb dieser Zeiten – etwa frühmorgens, in der Mittagspause oder am Abend – schaltet der Laden auf "digitalen Betrieb" um: Kunden öffnen die Eingangstür unkompliziert etwa mit ihrer Bankomatkarte, nehmen Milch, Butter, Eier oder Brot aus dem Regal, scannen alles an einer Selbstbedienungskasse ein und zahlen bargeldlos. Fertig.

Sicherheitssysteme und Kameras behalten das Geschehen im Blick, sensible Bereiche wie Feinkost-Schneidemaschine oder Alkoholika sind während der unbemannten Zeiten verriegelt. Aktuell hat Adeg 16 solcher Märkte am Netz, bis Jahresende sollen 19 werden.

72-Stunden-Limit bremst Konzept aus

Der Haken an der Sache: Obwohl in diesen digitalen Phasen kein einziger Beschäftigter im Laden steht, fallen die Hybridmärkte nach wie vor unter das starre österreichische Öffnungszeitengesetz. Maximal 72 Stunden pro Woche darf aufgesperrt werden, Sonn- und Feiertage sind tabu. Während reine Automaten-Shops boomen wie nie zuvor und legal rund um die Uhr geöffnet haben dürfen, gibt es für Hybrid-Dorfläden keinerlei Ausnahme.

Es sei zwar nicht für eine generelle Sonntagsöffnung, so Klein. Sehr wohl müsse man aber hinterfragen, warum solche Selbstbedienungsmärkte, "wo kein einziger Arbeitnehmer davon betroffen ist, sondern nur der Kunde davon profitiert, die lokale Nahversorgung in ihrer Profitabilität gestärkt wird, weil sie auch Zusatzumsätze machen kann, nicht über 72 Stunden hinaus die Geschäfte öffnen kann. Oder an Sonntagen die Geschäfte unbemannt öffnen kann." Die Maximalforderung sei hier schlichtweg "24/7".

Große Mehrheit steht hinter dem SB-Modell

"Dafür hat die Luft bis jetzt nicht gereicht und das finden wir schade", ärgert sich Klein über die Politik. Parallel habe in den letzten Monaten – Stichwort Umsatzsteuersenkung, Shrinkflation – "einiges stattgefunden, was bestimmt gut gemeint war". Allerdings habe das Zusatzaufwand geschaffen, der Personal bindet, das eigentlich Wurstsemmeln herrichten und Kunden betreuen sollte. Die überfällige Novelle für SB-Märkte sei hingegen seit 2025 liegengeblieben.

Dabei steht die Bevölkerung hinter dem Modell: Laut einer Rewe-Umfrage können sich 8 von 10 Österreichern vorstellen, in Orten ohne Nahversorger in einem solchen SB-Markt einzukaufen. 7 von 10 Befragten sagen zudem: Solche Märkte sollen bei Bedarf auch nach 20 Uhr sowie an Sonn- und Feiertagen aufmachen dürfen. Und: Mehr als die Hälfte würde sich ein entsprechendes Angebot in der eigenen Wohnumgebung wünschen.

Drama im ländlichen Raum: 580 Gemeinden ohne Laden

Was man nicht vergessen darf – die Debatte ist kein Luxusproblem, sondern ein Wettlauf gegen die Verödung ganzer Regionen: Bereits rund 580 Gemeinden stehen ohne einen Nahversorger da. Bei 150 der 250 Adeg-Standorte handelt es sich um den letzten verbliebenen Nahversorger im Ort. Sperren weitere Händler zu, drohen immer mehr Menschen, besonders Ältere und solche ohne Auto, den Zugang zur täglichen Versorgung mit Lebensmitteln zu verlieren.

Klein glaubt zwar nicht, dass sich durch eine Gesetzesreform weiße Flecken in der Versorgung auch wieder auffüllen lassen. Allerdings könnte es helfen, Nahversorger zu erhalten, bei denen es heute wirtschaftlich schon schwierig wird, wo vielleicht die Bevölkerung aufgrund knapper Öffnungszeiten auf "größere Formate 10 Kilometer entfernt mit dem Auto ausweichen muss".

Rentabel und sicher: Kaum Vandalismus am Land

Dass sich der Schritt für die Kaufleute lohnt, zeigen die ersten Standorte: Die technische Umrüstung kostet einen niedrigen fünfstelligen Betrag – Geld, das sich durch die Zusatzeinkäufe zu Randzeiten oft schon in ein bis drei Jahren amortisiert.

Angst vor Diebstählen und Vandalismus – in Großstädten oft ein Thema – hat man bei Adeg nicht. Im Gegenteil: "Die lokale Bevölkerung hat da eine derartige Freude daran, dass es die Infrastruktur überhaupt gibt, dass es da ein hohes Verantwortungsgefühl in solchen Gemeinden gibt, das System dadurch nicht kaputt zu machen", berichtet Klein.

Absage an digitale Geister-Supermärkte

Rein digitalen Geister-Supermärkten ohne Personal erteilt der Handelsmanager für Adeg allerdings eine Absage. Mehrwertbereiche wie Bedienung, lokale Catering-Services und der Persönlichkeitscharakter, den die Kauffrau, der Kaufmann vor Ort hat, indem er alle kennt, alle grüßt, würden damit verloren gehen.

tmw,Akt. 21.09.2026, 05:39, 21.09.2026, 05:25