Chef-Ökonomin mit Ansage:

"Diese Menschen sollen länger und mehr arbeiten"

Der Sozialstaat ist in Schieflage: Steigende Pensionsausgaben bei weniger Arbeitsstunden. Monika Köppl-Turyna will deswegen am Steuersystem drehen.
22.07.2025, 10:40
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Wird in Österreich zu wenig gearbeitet? Wirtschaftsminister Wolfgang Hattmannsdorfer prescht in der Diskussion um Teilzeit-Arbeit vor, sorgt damit auch für kontroverse Debatten innerhalb der Koalition.

"Der wachsende Trend zur 'Lifestyle-Teilzeit' schadet dem Standort, ist weder solidarisch noch zeugt er von Verantwortungsbewusstsein gegenüber unserer Gesellschaft", so Hattmannsdorfer zu "Heute".

Während Neos-Sozialsprecher Johannes Gasser den Vorstoß des VP-Ministers begrüßte, ritt die SPÖ zum Gegenangriff aus. "Es gibt keinen Grund, die – vorwiegend weiblichen – Teilzeitbeschäftigten zu kritisieren", so SP-Finanzminister Markus Marterbauer: "Vielmehr gilt es, ihre Arbeitsbedingungen zu verbessern." Es seien die Arbeitgeber gefragt, Teilzeit anzubieten, "von der man auch leben kann."

„Der wachsende Trend zur 'Lifestyle-Teilzeit' schadet dem Standort.“
Wolfgang HattmannsdorferWirtschaftsminister (ÖVP)

Fakt ist: Österreich ist ein (weibliches) Teilzeit-Land. Mehr als die Hälfte (51,2 Prozent) der Frauen arbeiten hierzulande Teilzeit – im EU-Vergleich gibt es nur in den Niederlanden noch mehr teilzeitbeschäftigte Frauen als bei uns.

Ganz generell steigt die Teilzeitquote an, auch unter Menschen ohne Betreuungspflichten: "Die Arbeitszeit pro Person ist kontinuierlich gesunken. Bei steigenden Ausgaben für Pensionen bringt das die öffentlichen Finanzen unter Druck", bestätigt Monika Köppl-Turyna, die Direktorin des industrienahen Instituts EcoAustria, am Dienstag im Ö1-Morgenjournal.

Dazu habe Österreich auch höchste Quote an offenen Stellen in Europa. "Es suchen Firmen trotz schwacher Konjunktur immer noch Arbeitskräfte", so die Ökonomin: "Deswegen würde es Sinn machen, nicht nur länger zu arbeiten im Leben, sondern auch mehr zu arbeiten. Auch im Alter von 50 bis 60. Diese Menschen werden am Arbeitsmarkt gebraucht und die sollen länger und mehr arbeiten."

Köppl-Turyna sieht ein Grundproblem darin, dass in Österreich der Anreiz zur Teilzeit im internationalen Vergleich besonders hoch ist. Als Ursachen nennt sie eine sehr steile Progression im Steuersystem, einkommensabhängige Leistungen und Zahlungen, die sich mit längeren Arbeitszeiten erhöhen (Beispiel Arbeitslosenversicherung). "Hier sind die Anreize einfach zum Teil falsch."

Gleichzeitig müsse aber auch eine Debatte über die Betreuungspflichten geführt werden. So sei es etwa im ländlichen Raum oftmals "schlicht nicht möglich", dass beide Elternteile Vollzeit arbeiten würden, weil es an verfügbaren Kindergartenplätzen mangle bzw. deren Öffnungszeiten zu kurz seien.

„Wenn man ein ganzes Leben in Teilzeit gearbeitet hat, endet das oft in Altersarmut.“
Monika Köppl-TurynaDirektorin, EcoAustria

Andererseits seien sehr viele Eltern freiwillig in Teilzeit, um sich um ihre Kinder kümmern zu können. "Sehr viele Frauen, die zum Warum ihrer Teilzeitarbeit gefragt werden, sagen: Weil ich das genau so will", erläutert Köppl-Turyna. Aber: Wer einmal längere Zeit in Teilzeit war, bleibe es meist bis zur Pension.

In diese im deutschsprachigen Raum ausgeprägte Kultur müsse der Staat nicht unbedingt eingreifen, wohl müsse aber thematisiert werden, was 40 Jahre in Teilzeit bedeuten: "Wenn man ein ganzes Leben in Teilzeit gearbeitet hat, endet das oft in Altersarmut. Am Ende des Tages hat man unter 1.000 Euro Bruttopension. Davon kann man einfach nicht leben."

Viele Stellschrauben

Auch zu den unterschiedlich hohen Kassenbeiträgen bei Voll- und Teilzeit hat die Wirtschaftswissenschaftlerin eine Meinung: "Gesundheitsleistungen bezieht man nicht als Teilmensch, sondern als ganzer Mensch. Hier wäre es also nach dem Versicherungsprinzip gerecht, wenn man den selben Betrag leisten muss. Aber ich bin kein Fan von solchen Partikularlösungen."

Für Köppl-Turyna braucht es einen systemischen Ansatz aus dieser Schieflage: "Wir müssen das Steuersystem und das Leistungssystem so umgestalten, dass es mehr Anreiz gibt. Das ist die Negativsteuer, das ist die Steuerprogression, das sind so Sachen wie die Arbeitslosenversicherung und ihre Einkommensschwelle. All diese Stellschrauben müssen wir zusammen bedenken, um das gesamte Steuersystem leistungsattraktiver zu machen."

{title && {title} } red,sea, {title && {title} } Akt. 26.07.2025, 10:48, 22.07.2025, 10:40
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