Die Preise an der Zapfsäule treiben schon jetzt viele Autofahrer zur Verzweiflung. Doch laut Marcel Fratzscher, Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW), könnte es noch viel schlimmer kommen: Ein Dieselpreis "in Richtung von drei Euro" sei realistisch, sollte der Krieg weitergehen und es neue Lieferengpässe geben.
Besonders bitter: Nicht nur Sprit könnte teurer werden. Auch im Supermarkt drohe der nächste Schock. Die Lebensmittelpreise könnten laut Fratzscher um mehr als 20 Prozent steigen.
Der Grund liege nicht nur bei Öl und Gas, sondern auch bei Dünger, der über die Straße von Hormus transportiert werde. Komme dort weniger an, zeige sich das später bei den Ernten – "und dann bei den Preisen". "Die Menschen werden sich daran gewöhnen müssen, dass Lebensmittel in den kommenden Jahren deutlich schneller teurer werden als andere Produkte."
In diesem Zusammenhang kritisiert Fratzscher im Talk mit dem Nachrichtenportal t-online insgesamt die Sorglosigkeit. Im Moment dominiere das "Prinzip Hoffnung", also der Glaube "es wird schon gut gehen". Das sehe man auch an den Finanzmärkten.
"Der Börsenboom passt eigentlich nicht zur Weltlage. Auch bei Öl und Gas gehen die Märkte davon aus, dass die Preise bald wieder sinken." Seine Sorge sei: "Wir sind zu optimistisch – und weder Unternehmen noch Politik sind vorbereitet."
Auch beim Fliegen malt der Chef-Ökonom ein düsteres Bild. Man könne nicht ausschließen, dass es zu Knappheiten bei Kerosin kommt. "Wir sind auf Importe von Kerosin angewiesen", erklärt Fratzscher. "Im Notfall werden Fluggesellschaften keine Alternative haben, als gewisse Flüge zu streichen. Möglich wäre auch, dass der Staat alle innerdeutschen Flüge streicht."
Besonders hart könne es Menschen mit wenig Einkommen treffen: Für manche sei dann sogar der Sommerurlaub in Gefahr, weil Lebensmittel, Tanken und Reisen gleichzeitig teurer würden.
Hart geht der DIW-Chef mit den Mineralölkonzernen ins Gericht. Einige würden sich in der Krise "die Taschen voll" machen. In der Branche gebe es keinen vollen Wettbewerb, große Anbieter hätten viel Marktmacht. In solchen Situationen könnten Firmen Preise stärker erhöhen, als es die Lage eigentlich erfordere.
Seine Forderung – und die könnte schlussendlich nicht nur Deutschland treffen: "Wir brauchen", so Fratzscher, "einen autofreien Sonntag und ein Tempolimit – auch jetzt schon, nicht erst, wenn es sich weiter zuspitzt". Was viele nicht verstehen würden: "Wir haben im Augenblick weltweit 10 bis 15 Prozent weniger Öl und Gas."
Preise würden laut dem Ökonomen eine Knappheit widerspiegeln. "Und wenn es eine Knappheit gibt, dann steigen die Preise so lange, bis Angebot und Nachfrage wieder zusammenpassen." Man müsse also den Verbrauch, der nicht absolut essenziell ist, reduzieren.
In diesem Zusammenhang komme er "wieder auf ein Tempolimit". Für viele Deutsche sei das ein "rotes Tuch", doch damit ließen sich erhebliche Mengen Treibstoff sparen. Der Tankrabatt bewirke aus seiner Sicht das Gegenteil, weil Menschen dadurch weniger Anreiz hätten, Sprit zu sparen. "Das heißt in der Folge, dass andere mehr sparen müssen", meint Fratzscher.
Seine Erklärung: "In anderen Bereichen, etwa bei Lebensmitteln, werden die Preise durch den Tankrabatt stärker steigen." Denn die Energie, die für Dünger und Verarbeitung gebraucht werde, sei dann teurer. "Mit dem Tankrabatt tut man daher nichts Gutes. Alle anderen zahlen den Preis dafür – in Form von höheren Energiekosten und höheren Lebensmittelpreisen". Mithilfe von Tempolimit und autofreien Sonntagen würden die Preise nicht so stark explodieren.
Auch das Entlastungspaket der deutschen Bundesregierung kommt bei Fratzscher schlecht weg. Er nennt es eine "Mogelpackung". Eine steuerfreie Prämie von 1.000 Euro über Firmen helfe vor allem Beschäftigten mit Tarifvertrag. Wer keinen Tarifvertrag habe, im Niedriglohnsektor arbeite, in Pension sei, studiere oder eine Lehre mache, könne leer ausgehen. Damit entstehe eine soziale Schieflage.
Stattdessen schlägt Fratzscher eine Energiekostenpauschale von 300 Euro pro Erwachsenem vor. Menschen mit wenig Einkommen würden den vollen Betrag bekommen, Spitzenverdiener wegen der Anrechnung bei der Einkommensteuer deutlich weniger. Das koste zwar zehn bis zwölf Milliarden Euro, sei aber zielgenauer.
Das Geld dafür könnte nach Ansicht des Ökonomen auch aus einer bisher tabuisierten Quelle kommen: Deutschland solle über den Verkauf eines Teils seiner Goldreserven nachdenken. Die Reserven hätten laut Fratzscher einen Wert von knapp 440 Milliarden Euro. Ein kleiner Teil davon könne Bürger und Firmen in der Krise entlasten.