Was muss passieren, damit ein sonst so gelassener Esel plötzlich laut aufschreit? Im Fall der 22-jährigen Mädi war es ein besonders schmerzhaftes Zahnproblem. Die betagte Eseldame, die am Assisi-Hof des Österreichischen Tierschutzvereins in Stockerau lebt, litt derart unter ihren Beschwerden, dass sie ihre Schmerzen nicht länger verbergen konnte. Selbst ihre Esel-Freunde Sokrates, Aristoteles und Mary reagierten sichtlich erschrocken auf die ungewöhnlichen Schreie ihrer Gefährtin.
Für Alfred Kofler, Leiter der Tierpflege, war sofort klar: Hier stimmt etwas ganz und gar nicht! Er alarmierte umgehend die Großtierärztin Sonja Männer und den auf Pferde spezialisierten Tierarzt Wolfgang Babinek. Gemeinsam rückten sie an, um der leidenden Eseldame zu helfen.
Bei der Untersuchung war der Übeltäter schnell gefunden: Ein stark gelockerter Zahn verursachte Mädi erhebliche Schmerzen und musste dringend entfernt werden. Als wahrscheinliche Ursache vermuteten die Experten ein sogenanntes Diastema – einen Zwischenraum zwischen den Zähnen, in dem sich Futterreste ansammeln können.
Was zunächst harmlos klingt, kann dramatische Folgen haben. Die eingeklemmten Futterreste begünstigen Entzündungen des Zahnfleisches, schädigen das umliegende Gewebe und können schließlich dazu führen, dass ein Zahn seinen Halt verliert.
Esel zeigen Schmerzen häufig erst spät. Warnsignale können langsames oder einseitiges Kauen, aus dem Maul fallendes Futter, ungewöhnlicher Speichelfluss, Mundgeruch, Gewichtsverlust oder verändertes Fressverhalten sein. Auch Schwellungen am Kiefer und auffällige Abwehrreaktionen sollten ernst genommen werden. Regelmäßige Kontrollen durch einen fachkundigen Tierarzt sind besonders bei älteren Tieren wichtig.
Besonders heimtückisch: Gerade ältere Esel leiden häufiger unter Zahnproblemen, ohne dass ihre Menschen davon sofort etwas bemerken. Denn die genügsamen Langohren sind wahre Meister darin, Schmerzen zu verbergen.
„Deshalb bemerken wir Zahnprobleme manchmal erst, wenn die Erkrankung schon weit fortgeschritten ist. Selbst wenn das Kauen bereits wehtut, fressen viele Tiere zunächst weiter.“Alfred Kofler Leiter der Tierpfleger, Assisi-Hof
Zum Glück blieb Mädi eine aufwendige Fahrt in die Tierklinik erspart. Die beiden Tierärzte konnten den Eingriff direkt in ihrer gewohnten Stallumgebung durchführen. Unter leichter Sedierung blieb die Eselin stehen, während die Mediziner ihr Maul mit einem speziellen Maulgatter öffneten.
Anschließend entfernten sie den schmerzhaften Wackelzahn vorsichtig mit einer Zahnzange. Die entstandene Zahnhöhle wurde gründlich gereinigt, loses Gewebe entfernt und die Blutung gestillt. Eine Naht war glücklicherweise nicht notwendig.
Nach dem überstandenen Zahndrama heißt es für die 22-Jährige erst einmal: ausruhen und vorsichtig kauen! Damit die Wunde ungestört heilen kann, bekommt Mädi vorübergehend weiches, leicht kaubares Futter. Gleichzeitig muss sichergestellt werden, dass die betagte Eseldame weiterhin ausreichend Energie und Raufutter erhält.
Auf harte Leckerlis, ganze Karotten und knackige Apfelstücke muss sie deshalb vorerst verzichten. Doch nach den heftigen Schmerzen dürfte das wohl das kleinste Problem sein.