Österreich und die gesamte EU hatten in den vergangenen Jahren zunehmend mit Medikamenten-Engpässen zu kämpfen. Betroffen sind immer wieder auch essenzielle Medikamente wie Antibiotika, Insulin sowie Schmerz- und Fiebermittel. Die EU-Gesundheitsminister wollen jetzt Maßnahmen treffen, um eine verlässliche Versorgung sicherzustellen.
Die Ärztekammer drängt aufs Tempo: "Wie bereits in den vergangenen Jahren sind wir auch in diesem Winter mit Medikamentenengpässen konfrontiert", sagt Präsident Johannes Steinhart. Alles, was diesem "chronischen Notstand" entgegenwirken könne, sei gut und notwendig. Die konkrete Umsetzung in den einzelnen Mitgliedstaaten, einschließlich Österreich, sei jedoch noch offen. "Es ist die Aufgabe der heimischen Politik, die nationale Implementierung kritisch zu begleiten, besonders im Hinblick auf Versorgungssicherheit und ärztliche Entscheidungsfreiheit."
Die Engpässe entstehen vor allem, weil es nur wenige Hersteller gibt, ein Großteil der Medikamente außerhalb der EU produziert wird und das System in Krisen oder bei hoher Nachfrage nicht stabil genug ist, erklärt der Präsident.
"Der Medikamentenengpass ist in den Wintermonaten zum wiederkehrenden Problem geworden und besorgt uns Ärztinnen und Ärzte zunehmend", bestätigt auch Naghme Kamaleyan-Schmied, Vizepräsidentin der Wiener Ärztekammer. Aktuell stünden bereits 454 Medikamente auf der Liste der Vertriebseinschränkungen. Heißt: Sie sind nicht oder nur eingeschränkt verfügbar.
"Derzeit ist der Winter noch mild und wir haben früh mit den Grippe-Impfungen begonnen. Aber in den kalten Monaten wird der Druck auf die Versorgungssysteme noch einmal deutlich zunehmen, da Erkältungen, Grippe und andere Infektionen den Bedarf natürlich erheblich steigern", sagt Kamaleyan-Schmied.
Insbesondere die Corona-Pandemie hat die Abhängigkeit Österreichs in der Medikamentenversorgung gezeigt. "Wir müssen uns die Frage stellen, ob es einen Notfallplan gibt und wir heute für eine neue Pandemie vorbereitet wären", so Kamaleyan-Schmied. "Seit Jahren weisen wir Ärztinnen und Ärzte regelmäßig auf die Versorgungengpässe hin. Nicht zu wissen, ob passende Medikamente verfügbar sind, ist für ein wohlhabendes Land wie Österreich inakzeptabel." Zudem sei es sehr zeitaufwändig, immer wieder abklären zu müssen, ob und wo spezielle Medikamente – etwa in Kinderdosierung – verfügbar sind. "Dabei investieren wir wertvolle Zeit, die wir dringend für unsere Patientinnen und Patienten benötigen."
Gerade Wien als Hauptstadt mit hohem Patientenaufkommen benötige eine stabile Versorgungssicherheit. Dies könne nur durch eine Gesamtstrategie erreicht werden, die Österreich als Produktionsstandort attraktiv macht. "Es kann nicht sein, dass die Gesundheitsversorgung der Bevölkerung zwischen wirtschaftspolitischen und Industrieinteressen auf der Strecke bleibt", sagt Präsident Steinhart. Er fordert, medizinische Belange über Eigeninteressen zu stellen. "Die Politik muss konsequent und rasch in den zügigen Ausbau der heimischen und europäischen Arzneimittelproduktion investieren."