Kritik am Sozialministerium

PVA-Mitarbeiter schult Gutachter – Ärger bei Patienten

Ausgerechnet ein PVA-Mitarbeiter wurde für eine Schulung zu ME/CFS-Begutachtungen engagiert. Patientenvertreter üben Kritik am Sozialministerium.
17.10.2026, 11:29
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Nach Kritik an der Begutachtung von ME/CFS-Patienten sollte eine Fortbildung Verbesserungen bringen. Doch ausgerechnet die Auswahl der Vortragenden sorgt nun für neue Vorwürfe gegen das Sozialministerium.

Eigentlich sollte eine Schulung für Gutachter des Sozialministeriumservice helfen, den Umgang mit komplexen Erkrankungen zu verbessern. Stattdessen sorgt die Veranstaltung nun selbst für Diskussionen: Für einen Vortrag wurde ein Mitarbeiter der Pensionsversicherungsanstalt (PVA) engagiert – jener Institution, deren Begutachtungspraxis zuletzt massiv kritisiert worden war.

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Im Mittelpunkt der Kritik steht ein Fortbildungs-Webinar vom 30. September. Es richtete sich an Gutachter des Sozialministeriumservice und behandelte die Beurteilung von ME/CFS und Postakute Infektionssyndrome (PAIS)

Für den Vortrag über die Herausforderungen bei der Begutachtung wurde der chefärztliche Assistent der PVA Wien, Dr. Krstic, eingeladen. Der Neurologe hatte sich bereits mehrfach öffentlich mit der Frage beschäftigt, wie sich die Symptome dieser Erkrankungen medizinisch nachweisen und beurteilen lassen.

In einem im Frühjahr erschienenen Fachartikel des Manz-Verlags hatte er dazu festgehalten: "Die Lösung der angeführten Problembereiche der Begutachtung von PAIS und ME/CFS ist nicht in Sicht". Gerade seine bisherigen Aussagen zur Schwierigkeit, die Erkrankungen objektiv zu beurteilen, stehen nun im Mittelpunkt der Kritik.

Kritik an Experten-Auswahl

Die ÖG ME/CFS bemängelt, dass bei der Fortbildung keine erkennbare fachliche Beteiligung des Nationalen Referenzzentrums für Postvirale Syndrome an der Medizinischen Universität Wien stattgefunden habe.

"Gleichzeitig wurden Personen als Vortragende eingesetzt, deren bisherige Positionierungen zu ME/CFS erhebliche fachliche Kritik hervorgerufen haben", erklärte die Patientenorganisation gegenüber der APA.

Ministerium verteidigt PVA-Mitarbeiter

Auf APA-Anfrage nahm nicht das Büro von Sozialministerin Korinna Schumann (SPÖ) Stellung, sondern Martin Zach, Leiter der zuständigen Sektion IV im Sozialministerium. In seinen Verantwortungsbereich fällt das Sozialministeriumservice.

Zach weist die Kritik an der Auswahl des PVA-Mitarbeiters zurück. Entscheidend sei dessen medizinische Qualifikation gewesen und nicht sein Arbeitgeber.

"Dr. Krstic wurde nicht in seiner Funktion als Mitarbeiter der PV als Vortragender engagiert, sondern als Facharzt für Neurologie, der sich mit Begutachtungsrichtlinien beschäftigt und in Fachkreisen als Experte im Bereich der Begutachtung von ME/CFS und PAIS gilt", erklärte der Sektionschef.

Zudem verwies Zach auf Veröffentlichungen des Neurologen in der Fachzeitschrift "Das ärztliche Gutachten" sowie auf einen Vortrag bei der diesjährigen Jahrestagung der Österreichischen Gesellschaft für Neurologie.

Kritik an PVA-Gutachten bereits bekannt

Die Entscheidung fällt in eine Zeit, in der die Begutachtungspraxis der PVA besonders kritisch diskutiert wird. Im Mai 2025 hatten Recherchen erhebliche Missstände bei der Begutachtung von Menschen mit Post-Covid und ME/CFS aufgezeigt. Auch die Volksanwaltschaft und Patientenvereine wie ChronischKrank hatten auf Probleme hingewiesen.

Für Zach ist die Beschäftigung bei der PVA allerdings kein Grund, einen Mediziner grundsätzlich als Vortragenden auszuschließen. "Die Tätigkeit bei der PVA bedeutet nicht, kein entsprechendes Fachwissen zu haben. Eine globale Ablehnung von bei der Sozialversicherung tätigen Ärzten, ist aus medizinischer Sicht nicht nachvollziehbar."

Ministerium kennt umstrittenen Vortrag nicht

Auch frühere Aussagen des PVA-Mitarbeiters wurden thematisiert. Bei einem Vortrag am 20. Februar hatte er die Begutachtung von PAIS und die objektive Feststellung der Symptome als besonders schwierig beschrieben und dabei von einer "Sackgasse" gesprochen. Eine inhaltliche Bewertung dieser Aussage wollte Zach nicht abgeben.

"Der medizinischen Fachabteilung ist der Inhalt dieses Vortrags nicht bekannt. Es kann daher nicht nachvollzogen werden, in welchem Zusammenhang die genannte Aussage getroffen wurde", erklärte er.

Referenzzentrum wurde nicht eingeladen

Warum keine Fachleute des Nationalen Referenzzentrums für Postvirale Syndrome an der MedUni Wien eingebunden wurden, begründet das Ministerium mit der fachlichen Ausrichtung der Veranstaltung.

"Thema der Veranstaltung war die Beleuchtung der Begutachtung dieser Erkrankungen aus rein neurologischer Sicht. Das Nationale Referenzzentrum wird jedoch geleitet von Experten aus dem Bereich Immunologie und Public Health." Auch weitere Experten für PAIS und ME/CFS wurden für das Webinar nicht angefragt.

Betroffene warten auf Gesprächstermin

Die ÖG ME/CFS kritisiert neben der Schulung auch den Umgang des Ministeriums mit Patientenvertretungen. "Trotz dringenden Handlungsbedarfs werden Gespräche mit Betroffenenvertretungen nicht fortgesetzt, ausgewiesene Expertise nicht ausreichend eingebunden und notwendige strukturelle Reformen nicht konsequent verfolgt", heißt es von der Organisation.

Nach eigenen Angaben ersuchte die Gesellschaft allein 2026 viermal um einen weiteren Gesprächstermin – im März, April, August und September. "Auf die beiden jüngsten Anfragen im August und September erfolgte nicht einmal eine Antwort."

pol, 17.10.2026, 11:29
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