Protest gegen China-Importe

"Steuer-Boykott" – Schuhrebell macht Drohung wahr

GEA-Gründer Heini Staudinger hat im Jänner nach eigenen Angaben rund 50.000 Euro Steuer nicht überwiesen – aus Protest gegen Billigimporte aus China.
Aram Ghadimi
26.01.2026, 05:15
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Heinrich "Heini" Staudinger, der Gründer der Waldviertler Werkstätten GmbH (GEA) und ehemaliger Präsidentschaftskandidat 2022, hat seine Ankündigung, für bestimmte Schuhe aus seinem Sortiment, die Mehrwertsteuer nicht mehr vollständig abführen zu wollen, wahrgemacht. Er fordert seit Jahrzehnten ein Gegenmodell zu globalisierten Lieferketten und Billigimporten. Seinen Steuer-Boykott versteht der 72-Jährige als politischen Protest.

In Interviews spricht Staudinger von einer Schieflage, die sich über Jahre aufgebaut habe und inzwischen für viele kleinere Betriebe existenzbedrohend sei: Österreich, aber auch die EU würden Arbeit, Handwerk, regionale Produktion und kleine Betriebe diskriminieren, während internationale Online-Giganten und asiatische Billigimporte systematisch bevorzugt würden. Das will Staudinger auf seine Weise bekämpfen.

Steuerverweigerung angekündigt

"Ich habe dem Finanzminister einen offenen Brief geschrieben. Und im Jänner haben wir uns rund 50.000 Euro von der Steuer abgezogen", sagt Staudinger gegenüber "Heute". Diese Entscheidung versteht Staudinger als politische Botschaft gegen ein – aus seiner Sicht – "entgleistes Abgabensystem". Seine Argumentation beginnt mit einem einfachen Zahlenspiel: "Wenn GEA einen Schuh um rund 180 Euro verkauft, entfallen darauf – verteilt über Herstellung, Verwaltung und Verkauf – etwa 80 Euro an Abgaben. Das ist zu hoch, vor allem im Vergleich zu importierten Billigwaren."

Paketflut aus Asien

Besonders scharf kritisiert der 72-Jährige die ungebremste Paketflut aus Asien, die jährlich in Milliardenhöhe zunehme. Laut Untersuchungen der EU sei ein Großteil der Sendungen falsch deklariert – häufig von Onlineplattformen aus China, die zu Drehpunkten der globalen Niedrigpreisökonomie geworden seien. Für Staudinger ist das der Kern des Problems: Regionale Produktion werde belastet, globale Billigimporte steuerlich geschont – und damit Arbeit, Handwerk und Qualität entwertet.

Während regionale Betriebe Sozialabgaben, Lohnnebenkosten, Energiepreise und Steuern tragen müssten, gelangten Billigschuhe aus China und anderen Drittstaaten nahezu abgabenfrei in die EU. Die kleinen Paketsendungen der Online-Shops blieben unter steuerrelevanten Wertgrenzen und würden weder verzollt noch mit Umsatzsteuer belegt, argumentierte Staudinger kürzlich gegenüber dem Magazin NEWS.

"Der Wettbewerb wird nicht über Qualität und Langlebigkeit entschieden, sondern über Preisdrückerei, Steueroptimierung und Schlupflöcher", sagt Staudinger. Ein arbeitsintensives Produktionsunternehmen wie die Waldviertler Schuhwerkstätten "leidet unter dieser Auffassung von wirtschaftlicher Freiheit".

"Wenn Österreich und die EU weiter nur zusehen, werden die letzten regionalen Produktionsstätten aussterben", warnt er. Dass sein Unternehmen nach vielen profitablen Jahren zuletzt zwei Geschäftsjahre mit Minus abgeschlossen habe, sieht er als Symptom eines strukturellen Problems – nicht als unternehmerisches Versagen.

Das ist auch der Hintergrund, der ihn zu seinem drastischsten Schritt bewegt. Gleichzeitig sagt Staudinger, dass er diesen Vorgang per Selbstanzeige dem Finanzamt gemeldet habe – "um politische Wirkung zu entfalten. Die Aktion soll ein kalkulierter Regelbruch sein."

Moralisch legitim

In seinem Unternehmen stellte Staudinger Reparierbarkeit, Langlebigkeit und faire Arbeitsbedingungen ins Zentrum des Schaffens, lange bevor Nachhaltigkeit zum Marketingbegriff wurde (und die EU ein Recht auf Reparatur verabschiedete). Für ihn sei dieser Schritt moralisch legitim, weil er sichtbar machen will, "wie absurd das System funktioniert, das arbeitende Menschen und regionale Produktion bestraft, während global agierenden Unternehmen enorme Freiräume gelassen werden."

Staudinger, 1953 in Oberösterreich geboren, gilt schon lange als Figur einer alternativen Wirtschaftsszene. Er brach Studien in Theologie, Medizin und Soziologie ab, arbeitete eine Zeit in Afrika und gründete in den frühen 1980er Jahren sein erstes Schuhgeschäft. GEA sieht er nicht nur als Marke, sondern auch als Kulturprojekt.

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Staat in der Pflicht

Staudinger sieht den Staat in der Pflicht, Betriebe zu unterstützen, die Arbeit schaffen, Ressourcen sorgfältig nutzen und regionale Wertschöpfung betreiben. Stattdessen würden Kapital- und Importströme vielfach bevorzugt werden. "Wenn Konzerne über Schlupflöcher Milliarden verschieben können, während regionale Betriebe für jeden Arbeitsschritt zahlen müssen, ist das nicht nur ungerecht, sondern selbstzerstörerisch", so Staudinger.

"Arbeit und regionale Wertschöpfung müssten steuerlich entlastet werden, während Importe und global-vernetzte Logistik stärker belastet werden sollte", sagt der 72-Jährige. Dabei ist sein Protest riskant – juristisch wie wirtschaftlich: Staudinger weiß, dass er seine Firma damit zusätzlich unter Druck setzen kann.

Finanz spricht von Betrug

"Heute" hat zu Staudingers Steuer-Boykott beim Finanzministerium nachgefragt und folgende Stellungnahme bekommen: "Das Bundesministerium darf aufgrund der abgabenrechtlichen Geheimhaltungspflicht (gemäß 48a BAO) zu einem einzelnen Unternehmen keine Auskunft geben, auch wenn dieses Details so öffentlich kommuniziert." Ganz grundsätzlich gelte aber, "dass mit den Steuereinnahmen wichtige Ausgaben finanziert werden. Steuern dienen dem Erhalt des Sozialstaats und damit unser aller Lebensqualität."

Und: "Seine Steuern nicht zu bezahlen, ist also einerseits Betrug, der belangt wird. Andererseits geht so etwas zulasten der ehrlichen Steuerzahlerinnen und Steuerzahler, denn jeder Betrug belastet auch den Sozialstaat und seine Leistungen", fasst das Finanzministerium zusammen.

"Mir geht es um mehr, als um ein paar Prozent Steuer auf Schuhe. Ich will eine Debatte über Gerechtigkeit anstoßen", denn es sei ein Unterschied, "ob eine Gesellschaft jene schützt, die regional produzieren, oder jene, die global auslagern und so Wettbewerbsvorteile erzielen", sagt Staudinger.

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