Die Schließung des Tiefkühlgemüsewerks Ardo in Groß-Enzersdorf (Gänserndorf) sorgt weiter für Wirbel. Während die Politik fieberhaft nach einer Rettung der heimischen Gemüseproduktion sucht, läuft den Bauern im Marchfeld die Zeit davon.
Besonders bei Winterspinat und Rotkraut drohen massive Probleme. Auch rund 240 Beschäftigte müssen um ihre Jobs zittern.
Wie auch im Ö1-Morgenjournal um 8 am Dienstag berichtet wurde, wird die Aussaat von Winterspinat in vielen Betrieben bereits gestoppt. Der Grund: Niemand weiß, wer das Gemüse im kommenden Frühjahr überhaupt verarbeiten soll.
Rund 500 Vertragsbauern haben bisher für Ardo produziert. Für sie steht viel auf dem Spiel. Die Aussaat ist teuer, eine Abnahme der Ernte derzeit völlig ungewiss. Wie viel Spinat und Rotkraut im Frühjahr tatsächlich geerntet werden kann, ist damit offen. Dabei machen Spinat und Rotkraut laut Agrarmarkt Austria rund ein Viertel des Tiefkühlgemüses im österreichischen Handel aus.
Noch dramatischer ist die Situation bei Spinat. Ardo betreibt die einzige entsprechende Produktionslinie Österreichs. Ohne Ersatz könnte bereits ab dem Frühjahr kein neuer österreichischer Tiefkühlspinat mehr nachkommen und weiterverarbeitet werden.
Laut "ORF NÖ" reichen die bestehenden Vorräte an heimischem Tiefkühl-Blattgemüse voraussichtlich maximal bis Oktober 2027. Landeshauptfrau-Stellvertreter Stephan Pernkopf (ÖVP) warnt, dass es bereits ab Mitte 2027 kritisch werden könnte.
Immerhin gibt es Hoffnung: Laut Pernkopf zeigen eine Handvoll ernst zu nehmender Investoren Interesse an einer Alternative. Auch bestehende Gemüseverarbeiter könnten zusätzliche Mengen übernehmen. Landwirtschaftsminister Norbert Totschnig (ÖVP) verspricht gegenüber ORF NÖ: "Wir werden alles tun, um hier eine Alternative zu schaffen."
Für die Gewerkschaften PRO-GE und GPA reicht das allerdings nicht. Sie begrüßen zwar die Bemühungen von Bund und Land, kritisieren aber die Haltung des belgischen Ardo-Konzerns scharf. Rund 190 Beschäftigte und weitere 50 Leiharbeitskräfte sind unmittelbar von der Schließung betroffen. Die Gewerkschaften fordern Ardo auf, Gespräche über eine mögliche Übernahme des Werks zuzulassen.
"Die Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer verdienen Respekt und faire Perspektiven für ihre Zukunft", erklären die Gewerkschaftsvorsitzenden Reinhold Binder und Barbara Teiber. Auch bei den laufenden Sozialplanverhandlungen verlangen sie deutliche Verbesserungen. Gleichzeitig müsse Niederösterreich endlich eine dauerhafte Arbeitsstiftung zur Unterstützung der Betroffenen schaffen.
Besonders verärgert zeigt sich Pernkopf über die Weigerung des Konzerns, das Werk zumindest vorübergehend weiterzuführen. Gegenüber "ORF NÖ" bezeichnet er das Vorgehen als "Kampfansage gegen Österreich". Ardo hält dennoch an der geplanten Schließung Mitte 2027 fest. Auch eine Übernahme des bestehenden Standorts gilt derzeit als unwahrscheinlich.
Damit läuft die Zeit gleich doppelt davon: Für die Beschäftigten geht es um ihre Arbeitsplätze, für die Bauern um die nächste Ernte. Und für die Konsumenten steht auf dem Spiel, ob künftig noch österreichischer Tiefkühlspinat im Supermarktregal liegt.
Der Fall Ardo sorgt auch für einen ungewöhnlichen Schulterschluss über Parteigrenzen hinweg, nämlich eine gemeinsame "Aktuelle Stunde" im NÖ Landtag von VPNÖ, FPÖ und SPÖ.
"Niederösterreich kämpft für Arbeitsplätze, Bauern und heimische Lebensmittelversorgung – Ardo stellt sich taub! Dieser Fall ist eine Frage des Stils und der unternehmerischen Verantwortung. Normalerweise suchen Betriebe in wirtschaftlich herausfordernden Zeiten frühzeitig nach Lösungen, um Standorte zu erhalten oder zumindest eine geordnete Schließung zu ermöglichen. Was wir hier erleben, ist jedoch das genaue Gegenteil: Ein Konzern will sich offenbar im Eiltempo eines Standorts entledigen und nimmt dabei in Kauf, dass Arbeitsplätze verloren gehen, bäuerliche Familienbetriebe in ihrer Existenz gefährdet werden und eine gesamte österreichische Produktionskette zerstört wird", so VPNÖ-Klubobmann Kurt Hackl.
Mit der gemeinsamen Aktuellen Stunde der Regierungsparteien VPNÖ, FPÖ und SPÖ im NÖ Landtag "wollen wir den Druck auf den Konzern noch einmal erhöhen und einen klaren politischen Schulterschluss demonstrieren. Denn in dieser Frage gibt es keine zwei Meinungen: Arbeitnehmer und Bauern dürfen nicht im Regen stehen gelassen werden", so Hackl.