Am Anfang steht eine Frage: Was passiert mit einem Reh, das bei einem Verkehrsunfall stirbt und nicht mehr für den menschlichen Verzehr geeignet ist? "Entweder es geht an die Hunde der Jäger oder wird entsorgt", erklärt Sandra Weiß von der Jägervereinigung. Während ihrer Jagdausbildung überlegte sie gemeinsam mit ihrem Mann, Kreisjägermeister Marc Weiß, ob es dafür eine andere Lösung geben könnte.
Die Zusammenarbeit soll natürliche Ressourcen sinnvoll nutzen und zugleich dem Tierheim helfen. "Vorhandene natürliche Ressourcen werden verantwortungsvoll genutzt, verwertbares Wild bleibt im Kreislauf und zugleich wird die wichtige Arbeit des Tierheims unterstützt", erklärt die Jägervereinigung dazu.
Auch der Landesjagdverband Baden-Württemberg begrüßt das Modell. Verunfallte Rehe würden sinnvoll verwertet, das Tierheim spare Kosten. Die Lösung habe "Vorbildcharakter". Ähnliche Kooperationen wie jene in Reutlingen sind weder dem Landesverband noch dem Deutschen Jagdverband oder dem Landestierschutzverband bekannt, wie NTV berichtet.
Der Deutsche Tierschutzbund kennt lediglich Wildparks, Zoos oder Auffangstationen, die ganze Tierkörper etwa an Bären oder Wölfe verfüttern. Als Vorbild sieht er das Reutlinger Projekt aber nicht. Die Tiere müssten fachgerecht zerlegt und das Fleisch wegen möglicher Hygienerisiken gekocht werden. Auch Krankheits- und Seuchengefahren seien zu beachten. "Für all diese Aspekte sind die meisten Tierheime sicherlich nicht ausgelegt." Nur vereinzelt gebe es Menschen mit ausreichend Sachkunde.
Auch der Landestierschutzverband verweist auf hohe Anforderungen, etwa an Kühlräume. Diese könne längst nicht jedes Tierheim erfüllen. "Somit sind entsprechende Regelungen nur auf lokaler Ebene denkbar."
In Reutlingen kommt nicht jedes verunfallte Wild ins Tierheim. Wildschweine sind ausgeschlossen, weil sie die für Hunde tödliche Aujeszkysche Krankheit übertragen können, erklärt Weiß. Bei Füchsen, Mardern und Waschbären bestehe die Gefahr von Fadenwürmern.
Verwendet werden daher nur Rehe, die bei Verkehrsunfällen verendet sind und bestimmte Kriterien erfüllen. Sie dürfen keine Anzeichen einer Krankheit oder Seuche zeigen. Die Fachleute achten etwa auf Eiter, sagt Weiß. Außerdem dürfen die Tiere nicht zu lange am Straßenrand gelegen sein, weil mit der Zeit die Darmbarriere beschädigt wird. Die Jägervereinigung empfiehlt als Faustregel: "Nur ein Stück abgeben, das ihr nach äußerlicher Prüfung auch dem eigenen Hund bedenkenlos füttern würdet."
Laut Jagdverband starben im Jagdjahr 2024/2025 in Deutschland gut 200.000 Rehe durch "nicht-jagdliche Einwirkungen" – überwiegend im Straßenverkehr. In Baden-Württemberg waren es rund 24.000. Weiß schätzt, dass 90 bis 95 Prozent davon für das Tierheim verwendet werden könnten. Jäger, die zu einem Wildunfall gerufen werden, sollen dem Reh zunächst keine inneren Organe entfernen. Das passiert erst im Tierheim. Auch das Fell bleibt vorerst am Tier.
Wer eine ähnliche Zusammenarbeit starten möchte, sollte laut Landesjagdverband frühzeitig die zuständigen Behörden einbinden, vor allem das örtliche Veterinäramt. Rechtliche und hygienische Vorgaben müssten unbedingt eingehalten werden. "Entscheidend ist, dass die Lösung an den tatsächlichen Bedürfnissen und Möglichkeiten vor Ort ausgerichtet ist und für diejenigen, die sie umsetzen, auch in der Praxis funktioniert."
Der Tierschutzbund betont zudem, dass die Futterrationen auf ihren Nährstoffgehalt abgestimmt sein müssen. Am besten sollten darauf spezialisierte Tierärzte die Mengen berechnen. Im Tierheim Reutlingen ist das Unfallwild angesichts steigender Kosten als Futter willkommen. Verschwendet werde nichts, sagt Herzog: "Wir kochen in großen Töpfen. Auch das Wasser mischen wir unters Futter." Die Hunde würden das Futter gut annehmen.
Immer mehr Hunde hätten außerdem Futtermittelallergien, sagt Herzog. Sie bekämen etwa Durchfall oder Hautprobleme. Rehwild könne auch hier helfen und die Kosten senken: "Das Spezialfutter können wir jetzt strecken."
Eine vollständige Umstellung auf Wildfleisch ist laut Herzog nicht geplant. Dafür gebe es zu wenig Unfallwild. Außerdem sei Barfen – eine Fütterungsmethode, die sich an der natürlichen Ernährung von Wölfen orientiert – aufwendig. Benötigt würden etwa Pansen sowie bestimmte Mengen an Obst und Gemüse. "Das wird dann auch schwieriger in der Weitervermittlung." Zunächst soll das Rehfleisch an die Hunde im Tierheim verfüttert werden. Auch Katzen könnten es bekommen. Sie seien allerdings deutlich wählerischer, sagt Herzog: "Keine Ahnung, ob die das überhaupt annehmen würden."