Der Koffer steht endlich im Zimmer, die Schuhe fliegen in die Ecke und nach einer gefühlt endlosen Anreise gibt es nur noch ein Ziel: ab ins Bett. Doch kaum liegt man unter der Decke, ist die Müdigkeit plötzlich wie weggeblasen. Jedes Geräusch vom Gang fällt auf, das Licht unter der Tür stört und an erholsamen Schlaf ist nicht zu denken. Dass ausgerechnet die erste Nacht im Hotel zur Geduldsprobe wird, ist keine Seltenheit. Dahinter steckt sogar ein bekanntes Phänomen: der sogenannte "First-Night-Effect".
Wer an einem fremden Ort übernachtet, braucht mitunter länger zum Einschlafen, wacht öfter auf und schläft weniger tief. Dabei spielt es offenbar keine große Rolle, ob jemand ständig auf Reisen ist oder nur einmal im Jahr den Koffer packt.
Eine mögliche Erklärung führt weit zurück in die Geschichte des Menschen. Unser Gehirn könnte unbekannte Schlafplätze noch immer vorsichtiger beurteilen als das vertraute Schlafzimmer. Schlafforscherin Anna Wick von der Universität Freiburg in der Schweiz erklärt gegenüber "Euronews", dass man von einer Anpassungsreaktion ausgehe: Das Gehirn bleibe in einer ungewohnten Umgebung während des Schlafs wachsamer.
Schlafforscher Ahmad Mayeli von der University of Pittsburgh sieht darin ebenfalls einen möglichen evolutionären Schutzmechanismus. Was unseren Vorfahren an unbekannten Orten vor Gefahren bewahren konnte, läuft demnach auch heute noch im Hintergrund ab. Vereinfacht gesagt: Das Gehirn muss erst lernen, dass vom Hotelzimmer keine Gefahr ausgeht.
Die gute Nachricht: Bereits nach der ersten Nacht lässt dieser Effekt häufig nach. Trotzdem können im Urlaub weitere Schlafräuber lauern. Psychologin Lisa Strauss nennt gegenüber "Euronews" etwa ungewohnte Geräusche, störende Lichtquellen oder Stress als mögliche Faktoren.
Allerdings reagiert längst nicht jeder gleich. Wer nach einem langen Reisetag völlig erschöpft ist, schläft womöglich sofort durch. Manche Menschen schlafen unterwegs sogar besser als zu Hause – etwa weil sie im Urlaub Abstand vom täglichen Stress gewinnen.
Wer weiß, dass er in fremden Betten schlecht schläft, kann sein Gehirn mit Vertrautem austricksen. Ein eigenes Kissen, eine bekannte Decke oder andere vertraute Dinge können dabei helfen, das Hotelzimmer weniger fremd wirken zu lassen.
Strauss rät außerdem dazu, die gewohnte Abendroutine auch auf Reisen möglichst beizubehalten. Vor dem Schlafengehen sollte das Handy zur Seite gelegt und das Zimmer möglichst kühl und dunkel gehalten werden.
Grund zur Panik besteht nach einer schlechten Hotelnacht aber nicht. Einen einzelnen unruhigen Schlaf kann ein gesunder Körper in der Regel gut verkraften. Steht am nächsten Morgen allerdings ein wichtiger Termin an, kann es sinnvoll sein, bereits einen Tag früher anzureisen. So bekommt nicht nur der Körper eine Verschnaufpause – auch das Gehirn hat Zeit, sich mit dem neuen Schlafplatz anzufreunden.