Ein Schritt näher an den Abgrund, noch ein Stück zurück für den perfekten Winkel – und bloß nicht nach unten schauen. Was spektakulär aussieht und auf Instagram Tausende Likes bringen könnte, ist manchmal nur eine raffinierte Perspektive. Manchmal aber auch bitterer Ernst. Für Selfies, bei denen Menschen ihr Leben riskieren oder sogar verlieren, gibt es inzwischen einen makabren Begriff: "Killfie". Dahinter steckt die gefährliche Seite des Reisetrends, bei dem das perfekte Foto wichtiger wird als der eigene Sicherheitsabstand.
Spektakuläre Bilder gehören für viele zum Urlaub dazu. Problematisch wird es, wenn für den Schnappschuss Absperrungen ignoriert, Klippen erklommen oder andere Gefahren ausgeblendet werden. Besonders häufig wurden tödliche Selfie-Unfälle in Untersuchungen in Indien, den USA und Russland dokumentiert. Zu den wiederkehrenden Gefahren zählen Abstürze, Verkehrsunfälle, Ertrinken und riskante Begegnungen mit Tieren.
Dabei ist nicht jedes vermeintliche Todesfoto tatsächlich gefährlich. Ein berühmtes Beispiel ist der Pedra do Telégrafo bei Rio de Janeiro. Auf Fotos sieht es aus, als würden Besucher an einem Felsvorsprung über einem gewaltigen Abgrund hängen. Tatsächlich befindet sich der Boden an der beliebten Fotostelle nur wenige Meter darunter. Die richtige Kameraperspektive erledigt den Rest.
Anders sieht es an den Cliffs of Moher in Irland aus. Die Klippen ragen stellenweise mehr als 200 Meter über dem Atlantik empor. Wer dort Absperrungen missachtet und für ein Foto zu nahe an die Kante tritt, setzt sich durch starke Windböen und unbefestigten Untergrund einer realen Absturzgefahr aus.
Auch der Half Dome im Yosemite-Nationalpark verlangt Besuchern einiges ab. Besonders der steile Schlussanstieg über Granit, bei dem Drahtseile als Hilfe dienen, kann bei schlechtem Wetter gefährlich werden.
Noch extremer ist der Mount Everest. Sauerstoffmangel, Lawinen, Kälte und Erschöpfung machen den höchsten Berg der Erde zu einem lebensgefährlichen Ziel – und trotzdem versuchen sich Jahr für Jahr Bergsteiger am Gipfel.
Fast surreal wirken Fotos vom Devil's Pool an den Victoriafällen. Der natürliche Felsenpool befindet sich unmittelbar an der Kante der gigantischen Wasserfälle. Während geeigneter Wasserstände werden geführte Touren angeboten, bei denen Besucher im Becken baden können.
Auch Chinas Berg Hua Shan ist für schwindelerregende Bilder bekannt. Beim berühmten "Plank Walk" bewegen sich Besucher gesichert über schmale Bretter entlang einer steilen Felswand. Ein Ort, an dem ein spektakuläres Foto keinesfalls wichtiger als Sicherheitsvorgaben werden sollte.
Die legendären Ha'ikū Stairs auf Hawaii lockten wiederum mit Tausenden Stufen und spektakulären Aussichten. Die Anlage wurde jedoch bereits vor Jahren für die Öffentlichkeit geschlossen und inzwischen teilweise entfernt. Trotzdem hielt der Mythos der "Stairway to Heaven" immer wieder Menschen dazu an, Zugangsbeschränkungen zu ignorieren.
Nicht immer ist ein Abgrund die Gefahr. Im Death Valley können extreme Temperaturen binnen kurzer Zeit zum Gesundheitsrisiko werden. Auf Island wiederum unterschätzen manche Besucher aktive Vulkangebiete, heiße Quellen oder plötzlich wechselnde Bedingungen.
Auch der stark alkalische Lake Natron in Tansania ist kein gewöhnlicher Badesee. Seine extremen chemischen Bedingungen machen ihn zu einem faszinierenden, aber keineswegs harmlosen Naturraum.
Besonders unberechenbar sind zudem Selfies mit Wildtieren. Wer Elefanten, Raubkatzen oder anderen Wildtieren für ein Foto zu nahe kommt, kann weder deren Reaktion kontrollieren noch garantieren, rechtzeitig auszuweichen.
Das Problem beginnt häufig mit einem simplen psychologischen Effekt: Durch den Blick aufs Display rückt die tatsächliche Umgebung in den Hintergrund. Wer rückwärts für den perfekten Bildausschnitt geht, nimmt Stufen, Straßenverkehr oder Abbruchkanten möglicherweise zu spät wahr.