Österreich liegt beim Ausbau der Kinderbetreuung weiterhin hinter den europäischen Vorgaben zurück.
Bis 2030 soll die Betreuungsquote bei den unter Dreijährigen auf 45 Prozent steigen. Hierzulande kommt man derzeit auf 36 Prozent. Die Top und Flop zehn Bezirke im Überblick.
Die reine Zahl an Plätzen zeigt allerdings nur einen Teil des Problems. Entscheidend ist für berufstätige Eltern auch, wie lange die Einrichtungen geöffnet haben und ob eine Betreuung während eines normalen Arbeitstages möglich ist. Genau hier sieht das Momentum Institut nach einer Auswertung der Kindertagesheimstatistik weiterhin große Lücken.
Als Maßstab dient der sogenannte VIF-Indikator zur Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Damit eine Betreuung als vollzeittauglich gilt, muss die Einrichtung an mindestens 47 Wochen im Jahr und von Montag bis Freitag geöffnet sein.
Zusätzlich müssen mindestens 45 Betreuungsstunden pro Woche angeboten werden. An vier Tagen ist eine Öffnungszeit von jeweils zumindest 9,5 Stunden erforderlich. Auch ein Mittagessen für die Kinder muss zur Verfügung stehen.
Österreichweit werden nach diesen Kriterien nicht einmal zwei Drittel der betreuten Kinder unter drei Jahren vollzeittauglich versorgt. Bei den Drei- bis Fünfjährigen liegt der Anteil bei knapp 60 Prozent. Für viele Familien bedeutet das, dass eine Vollzeitbeschäftigung beider Eltern trotz eines vorhandenen Platzes kaum möglich ist.
Im Vergleich der Bundesländer führt Wien. Die Bundeshauptstadt erreicht bei Kindern unter drei Jahren eine allgemeine Betreuungsquote von 46,1 Prozent. Damit erfüllt Wien als einziges Bundesland bereits das für 2030 vorgesehene EU-Ziel von 45 Prozent.
Auch bei den Öffnungszeiten liegt die Hauptstadt vorne. 89 Prozent der betreuten Kleinkinder verfügen dort laut Analyse über einen Platz, der den VIF-Kriterien entspricht. Dahinter folgen Vorarlberg mit 72 Prozent und Kärnten mit 71 Prozent.
Deutlich schlechter sieht es in Oberösterreich und der Steiermark aus. In Oberösterreich gelten nur 27 Prozent der Betreuungsplätze für unter Dreijährige als vollzeittauglich. In der Steiermark sind es 33 Prozent.
Ein Vergleich mit dem Betreuungsjahr 2019/20 zeigt, dass sich manche Bundesländer deutlich verbessert haben. Niederösterreich (+ 31 %) und das Burgenland (+ 41 %) holen auf.
Nicht überall ging es voran. In der Steiermark sank die Quote bei den unter Dreijährigen (- 14 %). Auch Wien verzeichnete einen Rückgang (- 5 %), bleibt im Bundesländervergleich aber mit deutlichem Abstand an der Spitze.
Noch größer werden die Unterschiede beim Blick auf die einzelnen Bezirke. In Eisenstadt-Stadt verfügen 100 Prozent der betreuten Kinder unter drei Jahren über einen vollzeittauglichen Platz. Korneuburg erreicht 91,7 Prozent, Linz-Stadt 87,1 Prozent.
Am anderen Ende der Tabelle liegt Schärding. Dort erfüllen lediglich 1,2 Prozent der Betreuungsplätze für unter Dreijährige die notwendigen Kriterien. Murau kommt auf 3,4 Prozent, Liezen auf 4,8 Prozent.
Unter den 20 schwächsten Bezirken befinden sich zwölf aus Oberösterreich und fünf aus der Steiermark. Bei den Drei- bis Fünfjährigen erreichen Eisenstadt und Rust jeweils 100 Prozent. Schärding landet auch in dieser Altersgruppe mit 11,3 Prozent auf dem letzten Platz.
„Ob sich Familie und Vollzeiterwerb vereinen lassen, hängt in Österreich anscheinend auch mit dem Wohnort zusammen: Während in Eisenstadt 100 Prozent der betreuten Kleinkinder einen vollzeittauglichen Platz haben, ist es im oberösterreichischen Schärding gerade einmal ein Prozent", erläutert Sophie Achleitner, Ökonomin am Momentum Institut.
Die Analyse zeigt auch einen Zusammenhang zwischen dem Betreuungsangebot und der Erwerbstätigkeit von Frauen. In den 20 Bezirken mit den besten VIF-Werten liegt die durchschnittliche Teilzeitquote von Frauen bei 50,8 Prozent. In den 20 schwächsten Bezirken beträgt sie bei der Betreuung unter Dreijähriger 59,3 Prozent und bei der Altersgruppe von drei bis fünf Jahren 57,4 Prozent.
Laut Statistik Austria geben rund 40 Prozent der teilzeitbeschäftigten Frauen Betreuungspflichten als Grund dafür an, nicht in Vollzeit zu arbeiten. Bei Müttern mit Kindern unter 15 Jahren liegt dieser Anteil bei mehr als 80 Prozent. "Wenn der Kindergarten um 14 Uhr schließt, sind es meistens die Mütter, die den Rest des Tages übernehmen und das oft auf Kosten ihrer Vollzeitgehälter und ihrer Karriere", so Achleitner abschließend.
Das Momentum Institut fordert deshalb mehr kostenlose Einrichtungen mit Öffnungszeiten, die sich mit einem Vollzeitjob vereinbaren lassen. Dafür brauche es auch mehr ausgebildete Elementarpädagogen sowie bessere Arbeitsbedingungen und eine höhere Bezahlung.
Empfohlen werden außerdem ein Rechtsanspruch auf einen Betreuungsplatz ab dem ersten Geburtstag und ein zweites verpflichtendes Kindergartenjahr.
Die Bundesregierung hat einen Start für Herbst 2027 angekündigt. Wie diese Vorhaben konkret umgesetzt werden sollen, ist derzeit jedoch noch offen.