In gefährlichen Online-Communitys werden Kinder und Jugendliche zu Selbstverletzung und Gewalt gedrängt. Beim Präventionsgipfel des Innenministeriums warnen Sicherheitsexperten vor einer neuen Form des Extremismus.
Die Täter sind laut einer Erhebung im Schnitt 20 Jahre alt, ihre Opfer gerade einmal 13. Diese Zahlen präsentierte die Direktorin der Direktion Staatsschutz und Nachrichtendienst (DSN), Sylvia Mayer, am Donnerstag beim 7. Präventionsgipfel des Innenministeriums in Wien.
Im Mittelpunkt der Veranstaltung stand eine Gewaltform, bei der es nicht unbedingt um politische oder religiöse Überzeugungen geht. Stattdessen kann die Gewalt selbst das Ziel sein. Die Sicherheitsbehörden sprechen von "nihilistisch motivierter Gewalt und Extremismus".
Besonders besorgniserregend ist laut Mayer die Rolle des Internets. In verschiedenen Online-Communitys würden Menschen zu Selbstverletzungen, Frauenhass und schweren Gewalttaten angestiftet – bis hin dazu, "Menschen ohne Grund umzubringen".
Die Rekrutierung finde vor allem im digitalen Raum statt. Eine von Mayer angeführte Erhebung zeigt, dass 95 Prozent der Täter männlich seien. Ihr Durchschnittsalter liege bei 20 Jahren. Noch jünger seien die Betroffenen: Bei den Opfern handle es sich überwiegend um Kinder. Ihr Durchschnittsalter habe in der Untersuchung nur 13 Jahre betragen.
Wie gefährlich solche Strukturen werden können, verdeutlichte Mayer anhand eines Falls aus Deutschland. Dort steht derzeit in Hamburg ein 21-Jähriger vor Gericht, der im Internet unter dem Namen "White Tiger" bekannt geworden sein soll.
Die Staatsanwaltschaft wirft dem mutmaßlichen Pädokriminellen mehr als 200 Straftaten im Internet vor. Unter anderem soll er einen 13-jährigen Buben aus den USA in den Suizid getrieben haben. Eine 14-jährige Kanadierin soll laut Anklage versucht haben, sich das Leben zu nehmen.
Insgesamt soll es mehr als 30 minderjährige Opfer geben, unter anderem aus Deutschland, England, Kanada und den USA. Die Vorwürfe sind Gegenstand des laufenden Gerichtsverfahrens.
Suizidgedanken? Es gibt Hilfe.
In der Regel berichten wir nicht über Selbsttötungen – außer Suizide erfahren durch die Umstände besondere Aufmerksamkeit.
Wenn du unter Suizidgedanken, Depressionen oder anderen Ausnahmesituationen leidest, bietet die Telefonseelsorge unter der Nummer 142 von 0-24 Uhr kostenlos und anonym schnelle Unterstützung.
Weitere Ansprechstellen für Betroffene:
Kriseninterventionszentrum Wien: 01/40 69 595
Rat auf Draht: 147
Weisser Ring - Verbrechensopferhilfe: 0800 / 112 112
Innenminister Gerhard Karner (ÖVP) sieht angesichts der Entwicklungen dringenden Handlungsbedarf. "Kriminalität und Extremismus werden jünger und digitaler. Neben dem Social-Media-Verbot muss auch die Aufklärung und Sensibilisierung von Kindern und Jugendlichen eine wesentliche Rolle spielen", erklärte Karner am Rande des Gipfels.
Auch Staatssekretär Jörg Leichtfried (SPÖ) betonte, dass die Sicherheitsbehörden allein die Herausforderung nicht bewältigen könnten. Prävention sei eine "gesamtgesellschaftliche Aufgabe".
Dennoch sei man den Entwicklungen nicht machtlos ausgeliefert: "Wir verfügen über gute, engagierte Sicherheitsbehörden, gute Wissenschafterinnen, Pädagoginnen, Pädagogen, Sozialarbeiter und Vertreter der Zivilgesellschaft."
Wichtig sei, "dass wir ihr Wissen zusammenbringen". Leichtfried warnte zugleich davor, neue Bedrohungen mit veralteten Ansätzen zu bekämpfen: "Wir dürfen nicht mit den Kategorien von gestern auf die Bedrohungen von heute reagieren."
Für DSN-Direktorin Mayer steht fest, dass Sicherheitsbehörden künftig stärker auf Entwicklungen im Internet achten müssen. "Wir müssen die Früherkennung stärker in den Online-Raum verschieben."
Um eine "umfassende Prävention" zu erreichen, brauche es einen Austausch zwischen verschiedenen Bereichen – "sicherheitsbehördlich, wissenschaftlich, pädagogisch". Auch Eltern und Lehrkräfte müssten für die Gefahren sensibilisiert werden.
Gleichzeitig fordert Mayer eine konsequente strafrechtliche Verfolgung: "Auch wenn es Jugendliche sind, müssen wir die Täter der Strafverfolgung zuführen."
Wie schwer die neue Bedrohung einzuschätzen ist, erklärte Franz Ruf, Generaldirektor für die öffentliche Sicherheit: "Die Gefahr ist nicht größer, aber viel unübersichtlicher geworden".
Das Problem liege weniger in der Zahl der Bedrohungen "sondern an der Komplexität". Unterschiedliche Formen der Radikalisierung würden sich zunehmend überschneiden und seien "schwer in ideologische Kategorien einzuteilen".
Der entscheidende Unterschied zu klassischen extremistischen Bewegungen liege im Motiv." Bei klassischen Formen von Extremismus ist Gewalt in der Regel ein Mittel, um politische, religiöse oder gesellschaftliche Ziele durchzusetzen", erklärte Ruf.
"Bei nihilistischer Gewalt ist die Gewalt nicht nur Mittel zum Zweck, sondern oft der Zweck selbst." Dahinter könne beispielsweise "Hass auf die Gesellschaft" stehen. Politische Überzeugungen könnten ebenfalls eine Rolle spielen, müssten aber nicht der Auslöser sein.
Für die Sicherheitsbehörden werde es deshalb immer wichtiger, rechtzeitig zu erkennen, wann radikale Ansichten tatsächlich in Gewalttaten münden könnten. "Hier brauchen wir eine professionelle, differenzierte Gefahreneinschätzung", betonte Ruf.