Brennende Fahrräder, geplünderte Geschäfte, vermummte Randalierer: Auf den Straßen von Paris herrscht Ausnahmezustand. 110.000 sind laut offiziellen Angaben auf der Straße – landesweit über 550.000. Doch wer steckt hinter den Krawallen? Linksradikale, Islamisten, gewaltbereite Chaoten oder Jugendliche ohne Zukunftsperspektive?
Der britische YouTuber Aaron wollte es genau wissen. Er mischte sich am Samstag, den 17. Oktober unter die Demonstranten in Paris. Der Tag, an dem alles eskalierte. Er lässt dabei genau jene zu Wort kommen, deren Gesichter sonst hinter Masken versteckt bleiben. Ihre Antworten geben Einblick in die Wut auf Frankreichs Straßen.
Besonders eindringlich ist das Gespräch mit einem erst 16 Jahre alten Schüler. Er macht keinen Hehl daraus, wie wütend er auf die Zustände in Frankreich ist. Vor allem das Bildungssystem hat ihn enttäuscht.
„Die Regierung hört uns nicht zu. Also sorgen wir jetzt dafür, dass man uns sieht“Schüler (16)
An seiner früheren Schule seien die Klassenzimmer schmutzig gewesen, Sessel kaputt und Lehrer hätten gefehlt. Teilweise sei der Unterricht praktisch nutzlos gewesen. "Selbst wenn wir zugehört und alles aufgeschrieben haben, gab es nichts zu lernen", erzählt er.
Auch an seiner aktuellen Schule gebe es Probleme. Lehrer würden fehlen, obwohl wichtige Prüfungen bevorstehen. Ohne den notwendigen Unterrichtsstoff könnten die Schüler ihren Abschluss nicht schaffen.
Doch dem Jugendlichen geht es längst nicht mehr nur um die Schule. "Das System, die Wirtschaft, die Rechte für alle Menschen und Minderheiten – da muss sich etwas ändern", fordert er.
Auf die Frage, ob die Demonstrationen tatsächlich etwas verändern können, verweist der 16-Jährige auf die französische Geschichte. "Revolution ist ein großes Wort. Aber als es das letzte Mal passiert ist, hat sich Frankreich wirklich verändert", erklärt er. Jetzt sei es wieder an der Zeit.
„Wir werden das immer wieder machen, bis sich etwas ändert“Schüler (16)
Dass die Proteste aus seiner Sicht zu weit gehen, glaubt er nicht. Vielmehr kündigt er an, dass die Demonstrationen weitergehen würden, sollte sich nichts ändern.
Doch längst nicht jeder, den der YouTuber auf den Straßen trifft, ist ein Schüler oder spricht von Revolution. Immer wieder hört Aaron Beschwerden über die hohen Lebenshaltungskosten. "Zu teuer, zu teuer", rufen Menschen in der Menge.
Eine vermummte Frau erklärt, sie sei Krankenschwester und rette jeden Tag Leben – doch im Sommer seien die Patienten reihenweise unter der großen Hitze in den nicht klimatisierten Krankenhäusern kollabiert. Nun ist sie mitten auf der Straße in eine Tränengaswolke geraten und hat sich den Protesten angeschlossen. "Was soll das? Das ist nicht normal".
Am Abend zieht der Reporter eine bemerkenswerte Zwischenbilanz: Er habe mit einigen Menschen gesprochen, die ihm erklärt hätten, dass sie "einfach nur hier seien". Was sie jedoch alle eint, ist die Wut. Wut auf "10 Jahre Macron", in denen sich nichts zum Besseren verändert habe. Wut auf die hohen Lebenskosten, deren Last die Menschen zunehmend zu erdrücken droht.
Die Zusammensetzung der Gruppen bleibt unübersichtlich. Eine gemeinsame Organisation ist für ihn nicht erkennbar. Die Menschen bewegen sich in unterschiedlichen Gruppen durch die Stadt.
Sind es organisierte Linksradikale, Islamisten oder einfach wütende Bürger? Über die Drahtzieher der Ausschreitungen wird heftig diskutiert. Französische Behörden machen auch gewaltbereite Gruppen aus dem linksextremen Spektrum für Teile der Zerstörungen verantwortlich. Belege für eine islamistisch organisierte Protestbewegung gibt es dagegen nicht.
Die Gespräche des YouTubers zeichnen ein vielschichtigeres Bild. Ein Schüler fordert eine Revolution, andere beklagen steigende Preise oder die Zustände in den Spitälern. Auch Kapitalismuskritik ist zu hören. Doch eine gemeinsame Organisation oder konkrete Verbindung der Befragten zu extremistischen Gruppen lässt sich daraus nicht erkennen.
Zudem wird deutlich, dass nicht jeder Teilnehmer Gewalt als Mittel zur Veränderung sieht. In einer weiteren Szene spricht sich ein Demonstrant sinngemäß dafür aus, Veränderungen durch Frieden zu erreichen: "Ich bin wirklich enttäuscht" sagt er über die Eskalation an jenem Tag.
Fest steht: Nicht jeder, der gegen die Regierung protestiert, beteiligt sich auch an den Ausschreitungen.
Dass die Proteste auch bei Menschen auf Unverständnis stoßen, die mit den Forderungen grundsätzlich sympathisieren, zeigt das Gespräch mit einer Geschäftsfrau. Sie räumt Fahrräder vor ihrem Lokal von der Straße, während sich die Demonstranten nähern.
Mit ihren Forderungen sei sie durchaus einverstanden, erklärt sie. Doch das Verhalten auf den Straßen mache sie wütend. Sie beklagt fehlenden Respekt, herumliegenden Müll und mangelnde Rücksicht auf andere. "Die Kinder lernen heutzutage zuhause keinen Respekt mehr", sagt sie.
Für die Geschäftsfrau ist das Problem größer als die aktuelle Protestbewegung. Sie kritisiert den gesellschaftlichen Umgang miteinander und glaubt nicht daran, dass sich die Zustände rasch ändern werden. "Lehrer trauen sich nicht mehr in die Klassenzimmer, weil sie Angst haben", erzählt sie ihre Sicht auf die Dinge.
Im Laufe des Tages eskaliert die Situation. Fahrräder brennen, Geschäfte werden geplündert, eine McDonald's-Filiale wird verwüstet. Aaron beobachtet, wie ein Polizist von einer Flasche getroffen wird.
Wer für die Zerstörungen verantwortlich ist, können seine Gespräche nicht klären. Dafür zeigen sie, dass hinter den Protesten weit mehr steckt als die Wut einiger Schüler. Die einen kämpfen für bessere Schulen, andere für leistbares Leben oder bessere Arbeitsbedingungen. Manche laufen einfach mit.
Und dann ist da der 16-Jährige, der bereits von einer Revolution träumt. Für ihn steht fest: Solange sich nichts ändert, wird er weiter auf die Straße gehen.