Vier Worte reichen - und plötzlich steht alles still: "Komme nicht, mache Amoklauf." Was wie eine kurze Nachricht im Messenger wirkt, löst im Ernstfall einen Großeinsatz aus. Gebäude werden geräumt, Spezialeinheiten sichern das Gelände, Angst greift um sich. Doch während draußen Einsatzfahrzeuge auffahren, beginnt im Hintergrund eine andere, weniger sichtbare Arbeit.
In Wien übernimmt diese Aufgabe das Bedrohungsmanagement der Landespolizeidirektion. Geleitet wird das sechsköpfige Team von Michael Sonvilla. Sein Ansatz unterscheidet sich von klassischer Polizeiarbeit. "Wir wollen verstehen, was hinter einer Drohung steckt – nicht nur reagieren", sagt Sonvilla gegenüber der "Kleinen Zeitung". Es gehe darum, Motive, Dynamiken und mögliche Eskalationen zu analysieren. "Wir sind Polizei, haben aber einen anderen Blickwinkel auf konkrete Drohungen oder bedrohliches Verhalten einer Person", heißt es weiter.
Die Zahlen zeigen, wie differenziert die Lage ist: Nur sieben Prozent aller Drohungen in Wien gelten als echte Hochrisikofälle. Bei 93 Prozent besteht keine akute Gefahr. Genau hier setzt das Team an. Noch bevor die gesamte Einsatzmaschinerie anläuft, soll eingeschätzt werden, ob hinter den Worten tatsächliche Gewaltbereitschaft steckt, berichtet die Tageszeitung.
"Unsere Aufgabe ist es, die Lage einzuschätzen, eine Gefahrenprognose zu erstellen und konkrete Handlungsempfehlungen zu geben", erklärt Sonvilla in der "Kleinen Zeitung". "Androhung und die tatsächliche Gefährlichkeit dahinter sind selten ident." Für die Bewertung spielen mehrere Faktoren eine Rolle: Ist das Szenario realistisch? Gibt es sogenannte Drohverstärker wie übertriebene Dramatisierung?
Ein konkreter Fall zeigt, wie unterschiedlich Hintergründe sein können. Ein Schüler hatte im Chat geschrieben: "Komme nicht, mache Amoklauf." Ein konkreter Tatplan lag nicht vor. Laut Polizei fühlte sich der Jugendliche von Mitschülern ausgeschlossen und suchte Anerkennung. Das Team kümmerte sich gemeinsam mit Schulpsychologen um die Nachbetreuung.
Gerade im schulischen Umfeld stammen Drohungen fast immer von aktuellen oder ehemaligen Schülern. Die Motive reichen von Jux über Rache nach Mobbing bis hin zu Leistungsdruck. Auffällig: Das Einstiegsalter sinkt, erste Vorfälle gibt es bereits bei Zwölfjährigen. Bei Erwachsenen, die häufig Behörden drohen, dominieren Gefühle von Ohnmacht oder Kränkung. Rund 30 Prozent der Drohenden zeigen laut Sonvilla psychische Auffälligkeiten. Die Mehrheit ist männlich, heißt es in dem Bericht.
Im Zentrum der Arbeit steht die Prävention. In Gesprächen mit Betroffenen und ihrem Umfeld versucht das Team zu klären: Gibt es familiäre Konflikte? Probleme im Job? "Wir versuchen zu erkennen: Wo in deiner Gedankenwelt hin zu der angedrohten Gewalttat befindest du dich? Was wolltest du mit der Drohung erreichen?", berichtet die "Tageszeitung". Neben Analyse bietet das Team auch konkrete Unterstützung an, etwa bei Behördenwegen oder bei der Vermittlung von Therapieplätzen.
Durch dieses Vorgehen konnten in Wien bereits zahlreiche Großeinsätze verhindert werden. Das spart nicht nur Kosten, sondern verhindert auch Bilder bewaffneter Polizisten, die weitere Nachahmer auf den Plan rufen könnten. Obwohl im Zuge der LKA-Reform ähnliche Strukturen österreichweit vorgesehen sind, ist das Konzept bisher nur in der Bundeshauptstadt vollständig umgesetzt.