Wenige Kilometer von der österreichischen Grenze entfernt herrscht Ausnahmezustand. In der ungarischen Stadt Szombathely (dt. Steinamanger) sollen Bewohner plötzlich ihre Schuhe vor der Wohnung ausziehen, Kinderwägen nicht über Schotter rollen und Autos nur im Schritttempo fahren. Der Grund: gefährlicher Staub – mutmaßlich aus Österreich.
In der 80.000-Einwohner-Stadt riefen die Behörden sogar den Gesundheitsnotstand aus. Laut Greenpeace wurden bei Messungen an einer Schotterstraße zwischen knapp 35.000 und 292.000 Asbestfasern pro Kubikmeter Luft festgestellt. Das berichtet die ZIB2 Mittwochnacht.
Zum Vergleich: Eine Taskforce im Burgenland sieht bereits 1.000 Fasern pro Kubikmeter als gesundheitsgefährdend an.
Die Folgen können dramatisch sein. Asbestfasern verhalten sich wie winzige Nadeln. Sie bleiben nach dem Einatmen in der Lunge und können über Jahre hinweg Entzündungen und schwere Krankheiten auslösen – von Entzündungen bis hin zu Krebs. "Der Körper kann die Asbestfasern nicht mehr ausscheiden oder abbauen", erklärt Umweltmedizinerin Daniela Haluza.
Entsprechend drastisch sind die Empfehlungen in Szombathely: FFP3-Masken tragen, Straßen feucht halten, Haustierpfoten reinigen und bei Staub möglichst nicht lüften.
Der belastete Schotter soll aus Steinbrüchen im Burgenland stammen. "Die Steinbrüche beliefern stark regional", sagt Greenpeace-Umweltchemiker Herwig Schuster dem "Standard". "Wir gehen von einem Umkreis von rund 80 Kilometer um die Abbaugebiete aus."
Der Fachmann appelliert im ZIB2-Interview an Landeshauptmann Hans Peter Doskozil: "Es muss jetzt im Burgenland etwas passieren. Da führt kein Weg daran vorbei. Alles andere wäre völlig verantwortungslos gegenüber der Bevölkerung."
Die burgenländische Landesregierung sieht derzeit keine akute Gesundheitsgefahr. Erste Messungen hätten keine auffälligen Werte gezeigt – allerdings bei feuchtem Wetter, "teilweise bei Schneelage", betont Schuster. Da ist mit deutlich geringerem Faserflug zu rechnen, bei trockener Witterung könnte die Belastung daher höher sein, warnen Experten. Neue Messungen sind für Ende April bis Anfang Mai geplant.
Der betroffene Schotter stammt aus dem sogenannten Rechnitzer Schiefergebirge im Burgenland. Dort kommen in bestimmten Gesteinen wie Serpentinit natürlicherweise Asbest-Minerale vor. Gefährlich wird es vor allem, wenn das Material mechanisch bearbeitet wird – etwa beim Brechen oder durch Verkehr. Dann können feine Fasern freigesetzt werden, die tief in die Lunge gelangen.
Vier Steinbrüche im Burgenland wurden bereits geschlossen. Wo der belastete Schotter überall verbaut wurde, ist allerdings unklar. Eine gesetzliche Dokumentationspflicht für Lieferwege gibt es nicht. Rechtlich ist die Lage kompliziert: Es existieren keine klaren Grenzwerte für Asbest in solchen Naturmaterialien. Auch verpflichtende Sanierungen sind schwer durchzusetzen.
Klar ist nur: Sollte sich die Belastung bei kommenden Messungen bestätigen, könnten auch in Österreich strengere Maßnahmen folgen.