USA lassen Kurden fallen

Syrien: Islamisten übernehmen Bewachung von IS-Kämpfern

Dass die aus einer islamistischen Miliz hervorgegangene Übergangsregierung jetzt die Bewachung tausender IS-Terroristen übernimmt, sorgt für Unruhe.
Nick Wolfinger
21.01.2026, 15:04
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Die syrische Armee ist in das berüchtigte Lager Al-Hol für Familien der Dschihadistenmiliz Islamischer Staat (IS) im Nordosten Syriens vorgerückt. Wie ein Journalist der Nachrichtenagentur AFP am Mittwoch beobachte, öffneten Soldaten ein Metalltor zu dem Lager und betraten das Gelände, während andere Soldaten den Eingang bewachten.

Die kurdisch dominierten Demokratischen Kräfte Syriens (SDF) hatten sich am Dienstag nach Angriffen der Armee aus dem Lager zurückgezogen. Unter US-Vermittlung wurde schließlich die Übergabe an die syrische Armee durchgeführt.

Armeeinheiten wollten Islamisten befreien

Auf X kursierten Videos, die zeigen sollten, dass es innerhalb der syrischen Regierungstruppen zu Schusswechseln gekommen sein soll. Ein Teil der Kämpfer wollte demnach islamistische "Kampfgenossen" befreien. Eine unabhängige Bestätigung für diese Behauptung gibt es freilich nicht. Jedoch wurde ein US-Erdkampfflugzeuge vom Typ A-10 Thunderbolt beobachtet, das angeblich mit Warnschüssen den Sturm der Regierungseinheiten auf das Lager stoppen wollte.

Kurz danach kursierten Videos im Netz, wie Kämpfer der syrischen Armee, die vielfach aus früheren islamistischen Kämpfern zusammengesetzt ist, mit "Allahu Akbar"-Rufen in das Lager einfahren und von jubelnden Insaßen empfangen werden. Dabei sollen einige Insassen entkommen sein – wobei syrische Armee und kurdische SDF einander gegenseitig die Schuld dafür zuweisen.

Riesiges Lager für IS-Familien

In Syrien sitzen tausende mutmaßliche Dschihadisten, darunter viele Ausländer, in sieben Gefängnissen. Al-Hol ist das größte Lager für Familien von IS-Kämpfern in der Region. Dort leben etwa 24.000 Menschen, darunter 15.000 Syrer sowie rund 6.300 ausländische Frauen und Kinder aus 42 Ländern, viele davon sind europäische Staatsbürger.

Das Lager war nach der Besiegung des "Islamischen Staates" (IS) von kurdischen Streitkräften eingerichtet worden, die den Kampf gegen den IS angeführt hatten und von einer internationalen Koalition unterstützt wurden. In Absprache mit den USA – und nach einem Telefonat Sharaas mit US-Präsident Trump am Montag – versprach die syrische Armee, die IS-Gefangenenlager sorgfältig zu bewachen.

USA lassen Kurden fallen

US-Sondergesandter Tom Barrack gab am Dienstag überraschenderweise bekannt, in der Partnerschaft mit den Kurden sinngemäß keinen Nutzen mehr zu erkennen – und künftig auf die Bewachung der IS-Terroristen durch den bis vor kurzem von den USA als Terroristen gesuchten syrischen Übergangspräsidenten Sharaa zu setzen. Auf X schrieb Barrack am Dienstag:

"Historisch gesehen wurde die US-Militärpräsenz im Nordosten Syriens vor allem als Partnerschaft im Kampf gegen den IS gerechtfertigt. Die von Kurden geführten Syrischen Demokratischen Kräfte (SDF) erwiesen sich bis 2019 als effektivster Partner am Boden bei der Zerschlagung des territorialen Kalifats des IS."

Heute habe sich die Situation jedoch "grundlegend geändert", so Barrack weiter:

„Die ursprüngliche Rolle der SDF als primäre Bodentruppe gegen den IS hat sich weitgehend erledigt, da Damaskus nun sowohl bereit als auch in der Lage ist, die Sicherheitsverantwortung zu übernehmen“
US-Sondergesandter Tom Barrack

Syrischer Präsident stand auf US-Terrorliste

Die USA setzen nun also voll und ganz auf die Partnerschaft mit der syrischen "Übergangsregierung", die durch eine von der Türkei unterstützte Rebellenoffensive an die Macht kam. Übergangs-Präsident Ahmed al-Sharaa war zuvor Anführer der islamistischen Miliz Hayat Tahrir al Sham (Bewegung für die Befreiung der Levante, HTS), die ihrerseits aus dem Al-Qaida-Ableger Al Nusra-Front hervorging. Auch diese wurde bereits von Sharaa geführt, damals noch unter dem Kampfnamen Mohamed al-Golani.

In sozialen Medien kursieren nun wieder Aufnahmen von früher, die Sharaa als islamistischen Rebellenführer grinsend mit zwei abgeschlagenen Köpfen seiner Gegner in der Hand zeigen.

Kurden fühlen sich verraten

Die Kurden fühlen sich nun einmal mehr verraten und verkauft und warnen vor zu viel Vertrauensvorschuss des Westens in Übergangspräsident Sharaa, der ein "Wolf im Schafspelz" sei. Sie befürchten, dass die aus vielen Islamisten bestehende syrische Armee nun IS-Kämpfer aus den Gefangenenlagern freilässt.

Erst im November des Vorjahres wurden internationale Sanktionen gegen Sharaa aufgehoben. Bis vor kurzem stand der nunmehrige "Partner" der USA in der Region auf der US-Terror-Fahndungsliste. Eine bemerkenswerte Wendung.

Islamisten bewachen Islamisten

Das syrische Verteidigungsministerium hatte am Dienstag erklärt, es sei bereit, die Verantwortung für das Lager Al-Hol "und alle IS-Häftlinge" zu übernehmen. Das syrische Innenministerium erklärte, es ergreife die notwendigen Maßnahmen, um die Sicherheit in dem Lager zu gewährleisten. Im Zuge der Übernahme des Lagers freigekommene Insassen seien wieder eingefangen worden, wird beteuert.

Kurdische Kämpfer auf dem Rückzug

In den vergangenen Tagen hatten syrische Regierungstruppen bei einer Offensive im Norden und Osten des Landes kurdische Kämpfer aus mehreren bisher von den Kurden kontrollierten Gebieten vertrieben. Die syrische Übergangsregierung hatte am Dienstag erneut eine Waffenruhe verkündet. Die kurdischen Kämpfer wollen sich eigenen Angaben zufolge daran halten. Zuvor verkündete Waffenruhen waren gescheitert.

Eine Einigung zwischen beiden Seiten sieht vor, dass die kurdische Verwaltung in Nord- und Nordostsyrien in die Zentralregierung integriert wird. Dafür gibt es seit Montag eine viertägige Bedenkzeit, in der die Kurden eine "friedliche Übergabe" vorschlagen sollen – ansonsten geht die Militäroffensive im kurdischen Kerngebiet weiter.

{title && {title} } NW, {title && {title} } 21.01.2026, 15:04
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