Österreich steuert auf einen massiven Engpass beim Zivildienst zu. Schon rein aus demografischen Gründen werden laut Prognosen bis 2040 rund 4.000 zusätzliche Zivildiener gebraucht. Bleibt alles wie bisher, droht ein Loch im System – besonders bei Rettung, Pflege und Behindertenhilfe.
Der Grund: Die Zahl der Zivildiener sinkt, während die Gesellschaft immer älter wird. 2026 werden noch rund 15.000 Zivildiener erwartet, 2044 nur noch etwa 13.000. Das bedeutet: Jeder siebente Zivildiener fällt weg. Konkret würden fast 800 Kräfte im Rettungsdienst sowie rund 500 in der Altenpflege und Behindertenhilfe fehlen.
Gleichzeitig steigt der Bedarf massiv. Derzeit leben in Österreich rund 1,9 Millionen Menschen über 65, in den 2040er-Jahren werden es laut Statistik Austria fast 2,5 Millionen sein. Genau diese Bevölkerungsgruppe wird heute in vielen Bereichen maßgeblich von Zivildienern unterstützt.
Ein Blick zurück zeigt die Dimension: Vor 20 Jahren kamen rund 13.000 Zivildiener auf etwa 1,4 Millionen über 65-Jährige. Heute benötigen die Einrichtungen bereits mehr als 16.000 Zivildiener – ein Plus von rund 25 Prozent. Setzt sich dieser Trend fort, fehlen uns 2040 jährlich über 4.000 Zivildiener.
„Steigende Nachfrage trifft auf sinkendes Angebot. Wenn wir hier nicht gegensteuern, droht das System aus dem Gleichgewicht zu geraten.“Claudia BauerMinisterin (ÖVP)
Zivildienstministerin Claudia Bauer (vormals Plakolm) sieht daher Handlungsbedarf. "Steigende Nachfrage trifft auf sinkendes Angebot. Wenn wir hier nicht gegensteuern, droht das System aus dem Gleichgewicht zu geraten", warnt sie. Eine zentrale Stellschraube sei die Dauer des Zivildienstes. "Nicht, weil länger automatisch besser wäre. Sondern weil eine längere Dienstdauer den gesellschaftlichen Nutzen deutlich erhöht", so die ÖVP-Ministerin.
Die Wehrdienstkommission empfiehlt eine Verlängerung auf zwölf Monate. Rechnerisch könnte damit bis zu ein Viertel mehr Bedarf abgedeckt werden – also genau jene Lücke, die ab 2040 droht. Ministerin Bauer sieht zwölf Monate ebenfalls als maximale Dauer für den Zivildienst.
Bauer betont jedoch auch: Entscheidend sei nicht nur die Länge, sondern der Inhalt. "Beim Zivildienst ist nicht entscheidend, wie lange er dauert, sondern wie sinnvoll diese Zeit genutzt wird." Sie fordert zusätzliche Ausbildungen und Qualifikationen. Auch Organisationen wie Rotes Kreuz und Lebenshilfe drängen darauf.
Ein Beispiel aus der Praxis zeigt den Reformbedarf: Zivildiener dürfen etwa nicht einmal allein mit Klienten der Lebenshilfe einkaufen gehen – ein Betreuer muss mitkommen, damit der Zivildiener begleiten darf. "Absurd", heißt es aus den Einrichtungen. Auch das soll sich ändern.
Bundeskanzler Christian Stocker (ÖVP) hat eine Volksbefragung zur Wehrdienstreform angekündigt. Daran gibt es vielfach Kritik – Sinnhaftigkeit und mögliche Fragestellungen werden angezweifelt. Militärexperten sagen aber auch, eine für Herbst geplante Volksbefragung würde die Reform verzögern, was angesichts der sicherheitspolitischen Lage nicht angeraten sei.
Sie verstehe die Aufregung nicht ganz, so Ministerin Bauer: "Ich verstehe den Zweifel nicht, ob man den Leuten eine Volksbefragung zumuten kann. Ja, wir müssen uns gut überlegen, welche Fragen wir stellen, die müssen klar formuliert sein." Die Expertenkommission habe Modelle vorgelegt, die werde man jetzt politisch ausdiskutieren – "und dann stimmen die Österreicherinnen und Österreicher ab. So einfach ist das", sagt Bauer.