Der Fall rund um den früheren BND-Präsidenten August Hanning sorgt in Deutschland für Aufsehen. Experten erklären nun, warum selbst erfahrene Nachrichtendienstler zu Verrätern werden können – und weshalb auch Österreich vor solchen Fällen nicht gefeit ist.
Ausgerechnet ein Mann, der jahrelang an der Spitze des deutschen Bundesnachrichtendienstes (BND) stand, steht nun selbst im Mittelpunkt einer Spionageaffäre. Hanning soll nach dem Ende seiner Tätigkeit beim BND unberechtigt Zugang zu mehr als 2.000 geheimen Unterlagen erhalten und Informationen daraus gegen Geld weitergegeben haben.
Der 80-Jährige befindet sich seit Mittwoch in Untersuchungshaft. Die Vorwürfe sind bislang nicht gerichtlich geklärt.
Für Walter Unger, früherer Cyber-Sicherheitschef im Abwehramt des österreichischen Bundesheeres, zeigt der Fall, wie schwierig es ist, Geheimdienste vor Verrat aus den eigenen Reihen zu schützen. "Eine hundertprozentige Sicherheit gibt es nie. Man muss aber versuchen, die Risiken zu minimieren", erklärt der Brigadier im Ruhestand gegenüber der "Presse".
Warum geben Menschen geheime Informationen weiter, obwohl sie selbst für deren Schutz verantwortlich waren? Nach Einschätzung der Experten haben sich die Beweggründe im Laufe der Jahrzehnte verändert.
"Meistens geht es heutzutage um Geld, um das Ego und um Beziehungen. Zu Zeiten des Kalten Krieges war das schon noch anders – da stand oft die Ideologie, der Kampf für den Kommunismus, im Vordergrund", schildert Unger.
Auch bei Hanning könnten finanzielle Schwierigkeiten eine Rolle gespielt haben. Deutschen Medienberichten zufolge soll der ehemalige Geheimdienstchef hohe Schulden gehabt haben. Demnach sei sogar seine Pension gepfändet worden.
Doch nicht immer stecken ausschließlich Geldprobleme hinter dem Verrat. Der Nachrichtendienstexperte und Buchautor Thomas Riegler verweist auf einen weiteren möglichen Antrieb.
"Zu beobachten ist auch, dass die Personen oft eine regelrechte Sucht nach Aufregung und nach einem Adrenalinschub antreibt", sagt Riegler gegenüber der "Presse". Besonders ehemalige Geheimdienstmitarbeiter könnten versuchen, ihre frühere Bedeutung auch nach dem Ausscheiden aus dem Dienst aufrechtzuerhalten.
"Auch das Ego ist wichtig – oft handelt es sich um ältere Geheimdienstmitarbeiter, die danach in der Sicherheitsbranche arbeiten und weiterhin eine Rolle spielen wollen. Sie sehen ihren Zugang und ihr Wissen als lukrative Einkommensquelle."
Im Fall Hanning führt eine Spur zu seinem früheren Büroleiter. Dieser blieb nach Hannings Ausscheiden noch bis zum Frühjahr 2026 beim BND beschäftigt. Über ihn soll der ehemalige Geheimdienstchef an vertrauliche Unterlagen gelangt sein.
Für die Weitergabe der Informationen soll Hanning seinen früheren Mitarbeiter bezahlt haben. Auch der ehemalige Büroleiter sitzt mittlerweile in Untersuchungshaft. Ob er selbst finanzielle Schwierigkeiten hatte, ist nicht bekannt.
Für Unger macht die Affäre deutlich, dass Sicherheitskontrollen nicht nur bei der Einstellung neuer Mitarbeiter stattfinden dürfen. Schon vor Dienstantritt müsse geprüft werden, ob eine Person zuverlässig sei und mögliche Risiken bestünden.
"Hat er Schulden, die er nicht bedienen kann? Steckt er in Vereinen, die verdächtig sind?" Solche Überprüfungen müssten während der gesamten Laufbahn regelmäßig stattfinden. "Das schreckt schon viele ab. Aber alle findet man nie", sagt der ehemalige Nachrichtendienstler.
Wie ausländische Nachrichtendienste an vertrauliche Informationen gelangen, hängt laut Unger von ihrer jeweiligen Strategie ab. Dabei gebe es grundsätzlich zwei Vorgehensweisen.
"Erstens: Sie wissen schon, was sie wollen und wo etwas ist – in diesem Fall versuchen sie, in diesen Zirkel zu kommen. Zweitens: Sie suchen nach aufstrebendem Personal, das noch nicht so wichtig ist – etwa einem jungen Offizier – und bringen ihn dann allmählich dorthin, wo er eine Bedeutung hat."
Um derartige Zugriffe zu verhindern, seien neben Personenkontrollen auch strenge Regeln für den Umgang mit vertraulichen Unterlagen erforderlich.
"Um Risiken zu minimieren, müssen sehr gute Klassifizierungssysteme eingeführt und Dokumente verschlüsselt werden. Die Ausgabe der Dokumente muss genau dokumentiert werden: Es muss klar sein, wer welches Papier bekommt."
Der Fall Hanning ist nicht die einzige Angelegenheit, die den BND zuletzt in Erklärungsnot gebracht hat. Erst vor einer Woche wurde bekannt, dass persönliche Daten des BND-Vizepräsidenten Dag Baehr über Jahre hinweg öffentlich im Internet abrufbar waren. Darunter befand sich auch seine private Mobiltelefonnummer. Laut Medienberichten wusste Baehr von der Veröffentlichung, verwendete das Gerät aber weiterhin.
Bereits 2022 war außerdem ein BND-Mitarbeiter aufgeflogen, der geheime Informationen an einen russischen Nachrichtendienst verkauft haben soll. Das Gerichtsverfahren gegen ihn läuft noch.
Riegler sieht darin ein grundsätzliches Problem für den Ruf der deutschen Auslandsaufklärung. "Das zeigt schon, dass der BND noch nicht wirklich ein Geheimdienst ist. In angloamerikanischen Kreisen wurde ihm traditionell misstraut. Ausgerechnet von Hanning stammt der Ausspruch, dass der BND der 'Vegetarier' unter den Diensten sei", sagt der Experte.
Solange weitere Affären bekannt werden, dürfte sich an dieser Wahrnehmung wenig ändern. "Das schadet dem Image des BND massiv."
Spionage innerhalb staatlicher Sicherheitsbehörden ist allerdings kein ausschließlich deutsches Problem. Auch in Österreich gab es über Jahrzehnte hinweg Fälle, bei denen Personen aus dem Staatsapparat geheime Informationen an fremde Nachrichtendienste weitergaben.
"Während des Kalten Krieges waren die Verwaltung und der Sicherheitsapparat sehr stark durchdrungen von Zuträgern westlicher und östlicher Geheimdienste", erklärt Riegler. Zu den bekannten Fällen zählt der frühere hochrangige Staatspolizist Gustav Hochenbichler, der für den DDR-Geheimdienst Stasi spionierte.
2020 wurde ein Oberst des österreichischen Bundesheeres zu drei Jahren unbedingter Haft verurteilt. Er soll mindestens 25 Jahre lang Staats- und Militärgeheimnisse an den russischen Militärnachrichtendienst weitergegeben haben.
Ein weiterer prominenter Fall betrifft den ehemaligen Verfassungsschützer Egisto Ott. Er soll ebenfalls für Russland spioniert haben und wurde im Mai 2026 zu 49 Monaten Haft verurteilt. Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig.
Erst im vergangenen Jahr wurde zudem ein mutmaßlicher Spion der Muslimbruderschaft innerhalb des österreichischen Staatsschutzes entdeckt. Die Ermittlungen dazu dauern weiterhin an.