Minderjährige geraten in Österreich immer stärker in die Drogenszene – mit dramatischen Folgen. In Wien starben 2025 sieben unter 18-Jährige an den Folgen von Drogenkonsum, die unter Obhut der Kinder- und Jugendhilfe (MA 11) standen. Zuletzt wurde sogar ein 16-jähriges Mädchen tot in einem Wiener Hotelzimmer gefunden – mehr dazu hier.
In Spitälern schlagen die Fälle laut Experten zunehmend auf. „Zu uns kommen derzeit deutlich mehr Jugendliche, die Drogen konsumieren. Zumindest in Salzburg war das in diesem Ausmaß noch nie der Fall", so Psychiaterin Belinda Plattner, Leiterin der Kinder- und Jugendpsychiatrie Salzburg gegenüber dem "ORF".
Besonders alarmierend: Plattner warnt, dass vor allem Mädchen aus schwierigen Verhältnissen gezielt angesprochen würden – häufig im Alter zwischen 14 und 16 Jahren. "Die Mädchen erzählen, dass sie am Salzburger Hauptbahnhof von arabischstämmigen jungen Männern angesprochen werden, die ihnen Drogen anbieten und noch mehr Drogen in Wien versprechen. Und viele dieser Mädchen fahren dann auch mit", so Plattner.
Mehrere ihrer Klientinnen berichten, dass sie danach in eine Wohnung in Wien-Brigittenau gebracht worden seien. Dort hätten sie Kokain oder Crystal Meth bekommen – zunächst ohne Gegenleistung. Laut Plattner werde daraus aber rasch ein Abhängigkeitsverhältnis: "Die Mädchen werden dann aber oft überredet, mehrere Tage zu bleiben. Sie servieren den Männern Tee und leben mit ihnen zusammen. Zunächst vermitteln ihnen die Männer noch Anerkennung, oft kommt es dann aber zu sexuellem Missbrauch und zu sehr entwertendem Verhalten gegenüber den Mädchen", sagt Plattner.
Die Psychiaterin hat nach eigenen Angaben in diesem Zusammenhang auch Anzeige bei der Wiener Polizei erstattet. Von der Landespolizeidirektion Wien hieß es auf ORF-Anfrage, die Ermittlungen würden noch laufen, aus ermittlungstaktischen Gründen könnten "derzeit keine weiteren Details bekanntgegeben werden". Gleichzeitig erklärte die Polizei: "Ein konkreter Sachverhalt beziehungsweise eine Anzeige eines mutmaßlichen Opfers liegen bis dato nicht vor."
Plattner sagt, genau darin liege ein großes Problem: Viele Betroffene hätten Angst, selbst auszusagen. "Die Mädchen erzählen mir, dass ihnen in der Wohnung teilweise ihre Ausweise abgenommen wurden – dass sie gefragt wurden, wo sie wohnen. Die Sorge ist, dass die Personen auf freiem Fuß bleiben nach einer Anzeige."
Auch bei Jugendlichen in Fremdbetreuung sei das Risiko besonders hoch: Kinder und Jugendliche, die in Wohngemeinschaften der MA 11 leben, hätten oft schon viel Schlimmes erlebt, bevor sie betreut werden. Es brauche Zeit, um Vertrauen aufzubauen – in manchen Fällen reiche diese Zeit nicht aus.
Wie viele Drogentote es 2025 insgesamt bei unter 18-Jährigen in Wien und österreichweit gab, ist derzeit unklar. Die Zahlen würden nicht gesammelt vorliegen und erst in einem Jahr im Epidemiologiebericht der Gesundheit Österreich veröffentlicht.
Gleichzeitig zeigen Daten der Wiener Berufsrettung einen deutlichen Anstieg bei Einsätzen mit Verdacht auf Drogenvergiftung bei Minderjährigen: 2025 waren es 372 Einsätze, im Jahr davor 297. Auch die Sucht- und Drogenkoordination Wien berichtet von mehr Krankenhausfällen: 2025 wurde in 164 Fällen ein Sozialarbeiter ins Spital gerufen, 2024 waren es 120, 2023 nur 88.
Sozialarbeiter in Wien berichten zudem von einem neuen Muster: Bei der MA 11 beobachte man seit August, dass speziell Mädchen rund um Krisenzentren von anderen minderjährigen Mädchen angesprochen und ihnen Drogen angeboten werden.
Derzeit betreue man in Wien rund 30 Jugendliche mit risikobehaftetem Drogenkonsum – und die Zahl steige. Drogen seien billiger und leichter verfügbar als noch vor einigen Jahren. Laut dem Wiener Sucht- und Drogenkoordinator Ewald Lochner gehe es dabei nicht um eine einzelne Substanz: Viele Jugendliche nähmen "alles" ein, was gerade verfügbar sei – teils in großen Mengen, gemischt mit anderen Drogen und Alkohol, oft mit lebensgefährlichen Folgen.