Schmutzige Klos, ungewaschene Hände und Kinder, die nicht wissen, wie man sich richtig sauber macht – was nach Einzelfällen klingt, gehört für manche Lehrer längst zum Alltag. Besonders an sogenannten Brennpunktschulen stoßen Pädagogen zunehmend an ihre Grenzen. Und das längst nicht nur in Wien, sondern überall in Österreich.
"Wir haben Kinder, die nicht wissen, wie man sich die Hände wäscht, wie man richtig aufs Klo geht oder sich danach sauber macht", schildert die Grazer Lehrerin Kerstin Tanner der "Kleinen Zeitung". Probleme gibt es viele! Während man früher in der ersten Klasse bei null begonnen habe, starte man heute "vielfach bei minus zehn". Es fehle an grundlegenden Fähigkeiten, die eigentlich selbstverständlich sein sollten, fügt ihre Kollegin Verena Müllner hinzu.
Trotz dieser Probleme sei Gewalt im Unterricht und Respekt gegenüber den Lehrern an ihrem Standort in Graz-Gries "kein Thema". Besonders stolz sind die beiden Pädagoginnen aber darauf, dass sich die Kinder gegenseitig so akzeptieren, wie sie sind. Das ist einer der zentralen Werte, die sie vermitteln wollen.
Das heißt aber nicht, dass es niemals zu Ausgrenzungen kommt. Wenn doch einmal Aussagen wie "Mit dir spiele ich nicht, weil du Christ bist" fallen, sehen sich Tanner und Müllner in der Rolle, sofort zu intervenieren. Gleiches, sollte die Gleichberechtigung von Mädchen und Buben infrage gestellt werden.
An anderen Standorten geht es durchaus härter zu. Viele Direktoren wollen nicht öffentlich über die Probleme sprechen. Wenn sie es hinter vorgehaltener Hand tun, dann geht es laut "Kleine" schnell um wiederholte Suspendierungen aufgrund von ausufernder Gewalt.
In der Steiermark wurden allein 2024 rund 350 Anzeigen mit Tatort Schule registriert. Die Direktorin der Volksschule und Mittelschule Neuberg an der Mürz, Josefine Seiberl, berichtet von blutigen Nasen, aufgesprungenen Lippen und eskalierenden Rangeleien – vor allem in den Pausen. "Aus Spaß wird schnell Ernst", sagt sie. Besonders auffällig: Konflikte würden schneller körperlich ausgetragen als früher.
Ein weiteres Problem: Eltern. Statt gemeinsam Lösungen zu suchen, würden viele ihre Kinder verteidigen – auch mit Drohungen gegen Lehrer oder sogar Anzeigen. "Das waren immer die anderen", heißt es dann über die vermeintlichen "Engerl".
Eine Suspendierung musste sie aber noch nie aussprechen. Daher sieht sich Seiberl im Vergleich zu anderen Schulen "im gelobten Land".
Ähnliches Elternverhalten schildert Bernhard Braunstein, Direktor der Mittelschule Gleisdorf. Die Eltern hätten ihre eigenen Erziehungsaufgaben den Lehrern umgehängt, würden aber beim Ansprechen von Problemen sofort in Rage fallen. Anstatt als Hilfsangebot würden sie das häufig als Angriff auf ihre eigene Unfähigkeit sehen.
In seiner Schule hilft ein dauerhaft anwesender Sozialarbeiter bei der Vermeidung von Eskalationen. Die Kinder könnten alle ihre Probleme mit ihm besprechen.
Den Quell des Übels ortet der Direktor in den Sozialen Medien. Kinder würden dort eine verzerrte Realität erleben, Gewalt werde gefilmt, geteilt und verharmlost: "Es ist ja nix dabei, filmen wir halt einen, wenn er geschlagen wird". Die Folgen im echten Leben werden immer offensichtlicher – zu verhindern ist diese Entwicklung kaum.
Ein Lichtblick: Schulen mit Sozialarbeitern berichten von weniger Eskalationen. Programme wie tägliches "Soziales Lernen" helfen, Konflikte früh zu erkennen und zu lösen.