FlyDubai-Mythen im Faktencheck

Warum konnten Passagiere im Sturzflug aufrecht gehen?

Nach dem Flydubai-Drama kursieren wilde Verschwörungstheorien. Ihr Tenor: Der Beinahe-Absturz war inszeniert. Die häufigsten Argumente im Faktencheck.
Nick Wolfinger
04.10.2026, 14:05
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Vier Tage nach dem Beinahe-Desaster auf Flydubai-Flug FZ1073 schießen im Netz die Verschwörungstheorien ins Kraut. Manche Nutzer halten den Zwischenfall für inszeniert, andere präsentieren vermeintliche Ungereimtheiten als Beweis dafür, dass die Geschichte so nicht passiert sein könnte.

Doch inzwischen gibt es wesentlich mehr gesicherte Informationen als unmittelbar nach dem Vorfall. "Heute" hat die wichtigsten Behauptungen geprüft.

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Woher hatte der Co-Pilot eine Waffe?

Eine der größten offenen Fragen ist inzwischen geklärt. Der Co-Pilot musste offenbar weder ein Messer noch eine andere Waffe durch die Sicherheitskontrolle schmuggeln. Die Generalstaatsanwaltschaft der Vereinigten Arabischen Emirate erklärte am 3. Oktober offiziell, dass der Co-Pilot den Kapitän im Cockpit mit einer sogenannten Crash-Axt attackiert und anschließend versucht habe, die Kontrolle über die Maschine zu übernehmen.

Mit einer sogenannten "Crash Axt" attackierte der Co-Pilot den Piloten.
Youtube/CNN (Screenshot)

Eine solche Axt ist tatsächlich normales Notfallgerät in Verkehrsflugzeugen. Europäische Luftfahrtregeln schreiben etwa für größere Passagiermaschinen mindestens eine Crash-Axt oder Brechstange im Bereich der Piloten vor. Die Behauptung, eine solche Axt hätte zuerst an der Sicherheitskontrolle vorbeigeschmuggelt werden müssen, geht daher ins Leere.

Wie konnten Passagiere im "Sturzflug" aufrecht gehen?

Das ist wohl eines der häufigsten Argumente in sozialen Medien. Auf Videos sind Passagiere zu sehen, die sich offenbar bewegen oder aufrecht stehen. Für manche ist das der Beweis: Bei einem echten "Sturzflug" wäre das unmöglich gewesen.

Der Denkfehler liegt vor allem im Zeitpunkt der Aufnahmen. Aus den Videos lässt sich nicht ableiten, dass die Menschen genau während der stärksten Sinkphase aufrecht durch die Kabine gingen.

Dazu kommt: Ein schneller Sinkflug bedeutet nicht automatisch Schwerelosigkeit. Entscheidend sind die Beschleunigungskräfte, denen das Flugzeug und seine Insassen in diesem Moment ausgesetzt sind. Allein aus der aufgezeichneten Sinkrate lässt sich nicht bestimmen, ob Passagiere zu einem bestimmten Zeitpunkt stehen oder sich bewegen konnten.

Die Bilder von stehenden Menschen widerlegen den zuvor aufgezeichneten massiven Höhenverlust deshalb nicht.

Hätte das Flugzeug nicht auseinanderbrechen müssen?

Auch dieses Argument taucht immer wieder auf: Wenn FZ1073 tatsächlich innerhalb kürzester Zeit Tausende Meter an Höhe verloren habe, hätte die Boeing den Belastungen gar nicht standhalten können. Dieser Punkt wird auch in einer Flugsimulation durch Linienpiloten in einem CNN-Beitrag ausführlich thematisiert.

Doch ein sehr schneller Höhenverlust bedeutet nicht automatisch, dass ein Flugzeug senkrecht nach unten stürzt oder dabei seine strukturellen Belastungsgrenzen überschreitet. Die öffentlich verfügbaren Flugdaten zeigen einen extrem raschen Sinkflug, daraus lässt sich aber weder ein senkrechter Absturz noch eine Überlastung der Flugzeugstruktur ableiten.

Tatsächlich blieb der extreme Sinkflug nicht ohne Folgen. Fotos nach der Landung zeigen deutliche Schäden am Heck der Boeing. Nach mehreren Berichten brach ein größerer Teil des Seitenruders ab.

Welche Belastungen genau auf die Maschine wirkten und wodurch der Schaden am Seitenruder entstand, muss die offizielle Untersuchung klären. Dass die Maschine nach dem Zwischenfall weiterflog und sicher in Tabuk landete, widerspricht den aufgezeichneten Höhendaten daher nicht.

Warum steuerte plötzlich ein Installateur das Flugzeug?

Auch hier wird im Netz häufig die Reihenfolge der Ereignisse durcheinandergebracht. Der israelische Installateur Yaniv Hayoun gehörte zu jenen Passagieren, die nach dem Öffnen der Cockpittür eingriffen. Berichte internationaler Medien bestätigen, dass er half, den Angreifer zu überwältigen und in der chaotischen Situation auch kurz in die Steuerung des Flugzeugs eingriff. Hayoun erzählte später, Kenntnisse aus der TV-Reihe "Air Crash Investigation" hätten ihm dabei geholfen.

Er landete die Boeing aber nicht.

Zwei weitere Flydubai-Piloten befanden sich als Passagiere an Bord. Sie übernahmen nach dem Angriff die professionelle Kontrolle über die Maschine und brachten sie nach Tabuk in Saudi-Arabien. Dass Piloten außerhalb ihres eigentlichen Dienstes als Passagiere zu einem anderen Einsatzort mitfliegen, ist im Flugbetrieb völlig normal.

Warum konnte der schwer verletzte Kapitän die Tür öffnen?

Auch dazu gibt es inzwischen eine Aussage des Mannes selbst. Kapitän Smit Machchhar schilderte nach dem Angriff, dass seine Sicht nach den Schlägen stark eingeschränkt gewesen sei. Er habe zunächst versucht, die Cockpittür zu öffnen, der Angreifer habe sie aber wieder geschlossen.

Machchhar lag danach nach eigenen Angaben am Boden des Cockpits und bemerkte, dass das Flugzeug stark sank. Schließlich habe er noch einmal all seine Kraft gesammelt, sei zur Tür gelangt und habe sie geöffnet. Draußen warteten bereits Menschen darauf, einzugreifen.

Damit ist der entscheidende Punkt bestätigt: Die Tür wurde nicht von Passagieren aufgebrochen. Der Kapitän öffnete sie von innen.

Nicht belegt ist hingegen eine in sozialen Netzwerken kursierende sehr genaue Geschichte, wonach Machchhar einen bestimmten "elektronischen Override-Schalter direkt neben seinem Sitz" gedrückt habe. Seine eigene Schilderung spricht lediglich davon, die Tür geöffnet zu haben.

Warum fielen keine Sauerstoffmasken herunter?

Dieser Einwand beruht auf einem technischen Missverständnis. Sauerstoffmasken werden nicht ausgelöst, weil sich die Nase eines Flugzeugs nach unten neigt oder weil eine Maschine schnell an Höhe verliert. Entscheidend ist die sogenannte Kabinenhöhe beziehungsweise der Druck innerhalb der Druckkabine.

Luftfahrtvorschriften für die Boeing 737 sehen vor, dass das Passagier-Sauerstoffsystem automatisch aktiviert wird, wenn die Kabinenhöhe einen bestimmten Wert überschreitet.

Das bedeutet: Sinkt ein Flugzeug bei funktionierender Druckkabine schnell von seiner Reiseflughöhe ab, müssen die Masken deswegen nicht automatisch herunterfallen. Die fehlenden Masken sind daher kein Beweis dafür, dass der Sinkflug nicht stattgefunden habe.

Ist das wirklich passiert?

Wie schnell sich rund um den Vorfall Falschinformationen verbreiteten, zeigt zudem ein gefälschtes Video im Stil der BBC. Darin wurde behauptet, ein indischer Passagier habe den Flug entführen wollen und sei Teil einer geheimen Verschwörung mit dem israelischen Geheimdienst Mossad gewesen.

Mehrere Faktencheck-Redaktionen zerlegten das Video später als Fälschung. Verwendet wurden echte Bilder einer BBC-Moderatorin aus einer anderen Sendung, dazu eine künstlich erzeugte Stimme und teilweise fremde Aufnahmen. Die BBC bestätigte, dass sie einen solchen Bericht nie ausgestrahlt hatte.

Für den angeblichen Passagier und das behauptete Geheimtreffen gibt es ebenfalls keine belastbaren Belege.

Gab es den dramatischen Sinkflug überhaupt?

Ja. Und ausgerechnet dieser Punkt ist besonders gut dokumentiert. Flightradar24 veröffentlichte die aufgezeichneten ADS-B-Daten von FZ1073. Die Maschine flog zunächst auf rund 34.000 Fuß. Danach verlor sie innerhalb kürzester Zeit massiv an Höhe und befand sich gegen 05.33 Uhr UTC auf rund 15.000 Fuß. Anschließend schwankten Flughöhe und Geschwindigkeit weiter deutlich.

Während des Vorfalls sendete FZ1073 außerdem zunächst den Transpondercode 7700 und kurz darauf 7500. 7700 steht für einen allgemeinen Notfall, 7500 für einen unrechtmäßigen Eingriff in den Flug.

Auch unabhängige Luftfahrtberichte dokumentieren einen Verlust von rund 17.000 bis 18.000 Fuß innerhalb von etwa eineinhalb bis zwei Minuten.

Ob man diesen Vorgang umgangssprachlich "Sturzflug" oder "Nosedive" nennt, ist eine andere Frage. Aus den öffentlich verfügbaren Daten lässt sich jedenfalls ein extrem schneller Höhenverlust belegen.

Was beweist das blutige Hemd?

Eigentlich wenig - in beide Richtungen. Fotos von Nachrichtenagenturen zeigen Yaniv Hayoun nach dem Vorfall tatsächlich mit deutlichen Blutflecken auf seinem Hemd.

Die Behauptung, er habe das Hemd deshalb stundenlang getragen, weil er zuvor von saudischen Sicherheitsbehörden befragt worden sei und keinen Kleidungswechsel im Handgepäck gehabt habe, klingt plausibel - ist aber keine sauber belegte Tatsache.

Für den Zwischenfall beweist das blutige Hemd daher nicht viel mehr als das, was auf dem Foto selbst zu sehen ist.

Und das angeblich ruhige Wasser?

Auch ein Wasserbecher wird in sozialen Netzwerken mittlerweile als vermeintlicher Beweis verwendet. Das Problem: Selbst ein tatsächlich ruhiger Becher würde einen vorherigen rasanten Sinkflug nicht widerlegen, wenn das Video erst aufgenommen wurde, nachdem sich das Flugzeug wieder stabilisiert hatte.

Für die weitergehende Behauptung des viralen Debunks, es habe sich definitiv um einen luftdicht verschlossenen Flydubai-Wasserbecher gehandelt, gibt es derzeit allerdings keinen belastbaren Nachweis.

Aus diesem Punkt lässt sich daher weder ein Beweis für eine Inszenierung noch ein besonders starker Gegenbeweis konstruieren.

Warum waren die Bildschirme dunkel?

Auch die dunklen Bildschirme in der Kabine werden in sozialen Medien als vermeintlicher Hinweis auf eine Inszenierung angeführt. Die Logik dahinter: Wenn im Flugzeug wirklich ein massiver Notfall herrschte, müssten die Bordbildschirme doch aktiv gewesen sein oder zumindest irgendeine Reaktion gezeigt haben.

Dafür gibt es aber keinen belastbaren Zusammenhang. Flydubai gibt für seine Boeing-737-MAX-Flotte zwar an, dass jeder Economy-Sitz mit einem persönlichen Bildschirm ausgestattet ist. Ob ein einzelner Bildschirm zu einem bestimmten Zeitpunkt eingeschaltet, ausgeschaltet oder ohne Inhalt war, sagt jedoch nichts darüber aus, was im Cockpit passiert ist.

Auch die Behauptung, dunkle Bildschirme würden beweisen, dass der Vorfall gestellt war, hält daher nicht. Umgekehrt gibt es derzeit aber auch keinen gesicherten Beleg dafür, dass die Bildschirme wegen des Sinkflugs automatisch abgeschaltet wurden.

War Netanjahus VAE-Besuch Teil eines Plans?

Auch diese Verschwörungstheorie hält einem Faktencheck nicht stand. Israels Premier Benjamin Netanjahu war tatsächlich nur wenige Tage vor dem Flydubai-Vorfall in Abu Dhabi und traf dort den Präsidenten der Vereinigten Arabischen Emirate, Mohammed bin Zayed. Der Besuch ist also keine Erfindung.

Doch auch der politische Hintergrund ist ausführlich dokumentiert. Nach übereinstimmenden Medienberichten ging es bei dem Treffen unter anderem um den Iran sowie um weitere regionale und innenpolitische Fragen. Für irgendeinen Zusammenhang mit FZ1073 gibt es dagegen keinen Beleg.

Dass wenige Tage später auf einem Flug zwischen Dubai und Tel Aviv ein Anschlag stattfand, macht aus zwei zeitlich nahen Ereignissen noch keinen gemeinsamen Plan.

Was hat die israelische Wahl damit zu tun?

Auch ein weiteres Detail der Verschwörungserzählung stimmt für sich genommen: Israel wählt am 27. Oktober 2026 ein neues Parlament.

Doch aus einem echten Wahltermin folgt selbstverständlich nicht, dass ein Zwischenfall in einem Flugzeug inszeniert worden sein muss. Dafür wären konkrete Belege nötig - und die fehlen.

Was wissen wir also wirklich?

Unabhängig voneinander belegt sind inzwischen mehrere zentrale Punkte:

■ Die VAE-Generalstaatsanwaltschaft bestätigt einen Angriff des Co-Piloten mit einer Crash-Axt und spricht von einem versuchten Terrorakt.

■ Kapitän Smit Machchhar schilderte selbst, wie er schwer verletzt die Cockpittür öffnete.

■ Flightradar24 dokumentiert den massiven Höhenverlust sowie die Transpondercodes 7700 und 7500.

■ Zwei mitreisende Flydubai-Piloten halfen anschließend dabei, die Maschine sicher nach Tabuk zu bringen.

■ Passagiere wie Yaniv Hayoun griffen tatsächlich in die Auseinandersetzung ein.

Vieles, was unmittelbar nach dem Vorfall noch wie eine unglaubliche Geschichte wirkte, ist damit inzwischen deutlich besser belegt.

Viele der angeblichen Ungereimtheiten wirken auf den ersten Blick tatsächlich auffällig. Bei genauerem Hinsehen lassen sie sich aber erklären oder beweisen schlicht nicht das, was Verschwörungstheoretiker daraus ableiten. Für eine Inszenierung von FZ1073 gibt es bisher keine belastbaren Hinweise.

NW,Akt. 04.10.2026, 14:43, 04.10.2026, 14:05