Eine neue Studie des Österreichischen Integrationsfonds (ÖIF) sorgt für Diskussionen. Demnach würde sich jeder Zweite in Österreich an Muslimen als direkten Nachbarn stören. Die Islamische Glaubensgemeinschaft in Österreich (IGGÖ) sieht darin ein "ernstes Warnsignal".
Präsentiert wurde die Untersuchung am Dienstag von Integrationsministerin Claudia Bauer (ÖVP). Noch höher fällt die Ablehnung laut Studie gegenüber Flüchtlingen mit 63 Prozent aus. Bei Roma sind es 53 Prozent, bei Langzeitarbeitslosen 52 Prozent – "Heute" berichtete.
Bauer nahm die Ergebnisse auch zum Anlass, erneut für das von der ÖVP geforderte Verbot des politischen Islams zu werben.
IGGÖ-Präsident Ümit Vural warnt gegenüber dem "ORF" davor, aus den Ergebnissen Rückschlüsse auf Musliminnen und Muslime selbst zu ziehen. "Diese Zahlen sagen nichts über das Verhalten oder die Integrationsbereitschaft von Musliminnen aus. Sie sind vielmehr ein Befund über den Zustand unseres gesellschaftlichen Klimas."
Und weiter: "Wenn die Hälfte der Menschen sagt, dass sie sich an muslimischen Nachbarinnen stören würde, müssen wir uns fragen, was in unserer Gesellschaft und in unseren politischen Debatten in den letzten Jahren dazu geführt hat, dass eine solche Ablehnung so verbreitet scheint."
Aus Sicht der IGGÖ können politische Aussagen, die eine gesamte Religionsgemeinschaft unter Generalverdacht stellen oder pauschal mit Sicherheitsproblemen in Verbindung bringen, bestehende Vorurteile weiter verfestigen. Musliminnen und Muslime seien seit Jahrzehnten Teil Österreichs.
Gleichzeitig hält die IGGÖ eine konsequente Auseinandersetzung mit Extremismus und demokratiefeindlichen Ideologien für notwendig. Dabei müsse jedoch klar zwischen extremistischen Bestrebungen einzelner Personen und der muslimischen Bevölkerung insgesamt unterschieden werden. Gefordert werden wirksame Maßnahmen anstelle von Symbolpolitik.
Die Ergebnisse der Untersuchung sollten nach Ansicht der Glaubensgemeinschaft deshalb auch eine Debatte darüber auslösen, warum die soziale Distanz gegenüber Musliminnen, Muslimen und anderen Minderheiten zunimmt und welchen Anteil Politik und öffentlicher Diskurs daran haben.
Muslimfeindlichkeit dürfe "nicht dadurch salonfähig werden, dass sie lediglich als statistischer Wert zur Kenntnis genommen wird. Sie muss uns politisch und gesellschaftlich beschäftigen."
Vural fordert deshalb einen anderen Umgang mit der Debatte: "Es braucht eine Debatte darüber, wie wir wieder mehr miteinander statt übereinander sprechen, und eine Politik, die diese Debatte durch konkrete Maßnahmen statt durch Angstmache prägt".
Unterdessen gibt es auch Kritik an der Untersuchung selbst. Der "Standard" bezeichnete Methode und Ergebnisse am Mittwoch in seiner Onlineausgabe als "fragwürdig".
Der ÖIF weist Kritik an der Studie zurück. Befragt wurden 1.016 Personen ab 16 Jahren. Die Daten wurden nach Alter, Geschlecht, Bildung und Bundesland gewichtet.
Dass Menschen mit Migrationshintergrund mit elf Prozent unterrepräsentiert waren, werde im Bericht als Einschränkung ausgewiesen. Von einem Ausschluss dieser Bevölkerungsgruppe könne laut ÖIF aber keine Rede sein. Bestimmte Gruppen seien bei Befragungen schwieriger zu erreichen, weshalb mit Quoten und Gewichtungen gearbeitet werde.
Auch die Auswahl der Befragten verteidigt der ÖIF. Während das Integrationsbarometer österreichische Staatsbürger untersucht, umfasst "Was denkt Österreich?" die gesamte Wohnbevölkerung.
Die kritisierte Nachbarschaftsfrage sei zudem ein seit Jahrzehnten eingesetztes Instrument zur Messung sozialer Distanz. Der ÖIF verweist darauf, dass auch die Statistik Austria eine solche Frage verwendet.
Muslime weisen dabei nicht den höchsten Ablehnungswert auf. Höhere Werte gibt es bei Asylwerbern beziehungsweise Flüchtlingen sowie Roma und Sinti, Langzeitarbeitslose liegen ebenfalls geringfügig darüber.