Ex-Boss will 3,9 Millionen

"Massiver Druck", Anzeige – Ex-ORF-Chef erzählt alles

Ex-ORF-Generaldirektor Roland Weißmann geht nun in die Offensive. Er will vom ORF 3,9 Millionen €, seinen Job zurück – und brachte auch Anzeige ein!
Clemens Oistric
16.04.2026, 06:00
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Das Innenstadt-Café "Motto am Fluss" am Wiener Donaukanal: Mittwochvormittag nimmt Roland Weißmann im Extrazimmer Platz. Weißes Hemd, dunkler Anzug, Einstecktuch – das Outfit entspricht jahrelangen Gepflogenheiten. Der Ex-Generaldirektor wirkt aufgeräumt, ist gut gelaunt – und gibt sich kämpferisch: "Ich will keine Rache, ich will Gerechtigkeit", sagt Weißmann.

Das Ergebnis einer Compliance Untersuchung – er hat sich dort fünfeinhalb Stunden lang den Fragen einer unabhängigen Anwaltskanzlei gestellt – bestärkt ihn in seinem Vorgehen, die vom ORF angekündigte Auflösung seines Vertrags gerichtlich zu bekämpfen. Gemeinsam mit seinem Anwalt Oliver Scherbaum will Weißmann in diesem Fall auf Wiedereinstellung klagen.

Hintergrund: Weißmann ist am 9. März unter heftigsten Vorwürfen nur als Generaldirektor ("nicht freiwillig, sondern unter massivem Druck") zurückgetreten. Wie ausführlich berichtet, hatte eine ORF-Mitarbeiterin Vertretern des Stiftungsrates eine selektive Auswahl aus vier Jahren Chat-Kommunikation mit Weißmann zugänglich gemacht.

Anwalt: "Klassische Motivkündigung"

Auch nach seinem überhasteten Rückzug von der ORF-Spitze ist er formal weiter Angestellter des Senders – vor seiner Wahl zum General war er Chefproducer und Vize-Finanzchef des Hauses. Stand Mittwoch wurde Weißmann weder postalisch noch per E-Mail seine Kündigung zugestellt. Laut Anwalt Scherbaum "eine klassische Motivkündigung". Denn das Ergebnis der Compliance-Prüfung sei eindeutig gewesen: Es habe keine sexuelle Belästigung einer Mitarbeiterin stattgefunden. Straf- und arbeitsrechtlich habe er sich somit nichts zuschulden kommen lassen.

„Es wurde von Stiftungsräten irrsinniger Druck aufgebaut.“
Roland WeißmannEx-ORF-Generaldirektor
Weißmann mit seinem Anwalt Oliver Scherbaum
Clemens Oistric

Warum er dennoch zurückgetreten ist? "Es wurde von Stiftungsräten irrsinniger Druck aufgebaut", erinnert sich Weißmann zurück. Mindestens zehn Mal sei der Satz gefallen: "Das geht sich nicht aus, du musst zurücktreten. Sonst wird das öffentlich."

Ex-General hätte sogar auf Gehalt verzichtet

Was er dann tat – in der Hoffnung, die letztlich widerlegten Anschuldigungen einer ihm über Jahre nahestehenden Mitarbeiterin würden vor einer etwaigen Compliance-Prüfung nicht den Weg an die Öffentlichkeit finden. Dafür – dies erfuhr "Heute" – wäre Weißmann sogar bereit gewesen, auf große Teile seines Salärs zu verzichten. In einer via APA-OTS versandten Pressemeldungen machte der ORF dann allerdings selbst "Vorwürfe der sexuellen Belästigung", die gegen ihren eigenen Chef erhoben worden waren, öffentlich.

ORF: Redakteursrevolte gegen Stiftungsräte

Transparenz sei ihr "ein echtes Anliegen", schreibt ORF-Generaldirektorin Ingrid Thurnher den 35 Stiftungsräten per Mail. Einsicht in den Untersuchungsbericht zu den Vorwürfen gegen Roland Weißmann – wie von diesen gefordert – kann sie ihnen dennoch nicht gewähren. Die eingesetzte Compliance-Kommission fand den von einer ORF-Mitarbeiterin erhobenen Vorwurf sexueller Belästigung weder strafrechtlich noch nach dem Gleichbehandlungsgesetz bestätigt.

Da kein Gesetzesverstoß festgestellt wurde, sei laut den Rechtsanwälten, die die Prüfung durchgeführt haben, keine Entlassung Weißmanns möglich gewesen. ORF-Chefin Thurnher hat wegen des "Anscheins unangemessenen Verhaltens" dennoch eine Auflösung von Weißmanns Dienstverhältnis angekündigt.

Indes gibt es am Küniglberg neue Turbulenzen: Der Redaktionsausschuss sprach den Stiftungsräten Lederer und Schütze wegen des Umgangs mit der Causa Weißmann und ihren Beratungstätigkeiten das Misstrauen aus

Damit hätte der öffentlich-rechtliche Sender gegen die Fürsorgepflicht gegenüber einem Mitarbeiter verstoßen, erläutert Top-Jurist Scherbaum. Das richtige Vorgehen wäre gewesen, den Sachverhalt vor das Stiftungsrats-Plenum zu bringen und eine Compliance-Untersuchung einzuleiten. Eine Beurlaubung Weißmanns bis zum Vorliegen eines Ergebnisses – wie es nun in der Causa Oliver Böhm der Fall ist – wäre nicht notwendig gewesen, weil keine akute Belästigungssituation behauptet wurde.

Weißmann will 3,9 Millionen

Stattdessen wählte man den Weg über die Öffentlichkeit. Dieser könnte den ORF jetzt teuer zu stehen kommen. Wie "Heute" erfuhr, klagt Weißmann, dem eine zweite, fünfjährige Amtszeit als ORF-Chef de facto sicher war, auf rund 3,9 Millionen Euro.

Der Betrag setzt sich wie folgt zusammen:

  • Restlaufzeit Vertrag 1. Periode General: € 350.000
  • Vertrag 2. Periode General (5 Jahre): € 2.300.000
  • Pensionskassenbeträge: € 250.000
  • Schadenersatz: € 1.000.000

Sollte es zu keiner außergerichtlichen Einigung mit dem öffentlich-rechtlichen Sender kommen, werden die Verfahren über Jahre das Wiener Arbeits- und Sozialgericht beschäftigen. Vorgeladen werden sollen Vertreter von Stiftungs- und Publikumsrat und hochrangige ORF-Mitarbeiter. "Wir werden das durchexerzieren und alle aufmarschieren lassen", gibt sich Roland Weißmann kämpferisch. Nachsatz: "Ich bin kampfeslustig und motiviert."

ORF jetzt Fall für die Justiz

Das zeigt sich an der Tatsache, dass die Causa nun auch die Justiz beschäftigt. Bei der Staatsanwaltschaft ging unlängst eine Anzeige Weißmanns gegen unbekannte Täter ein. In einer 20-seitigen Sachverhaltsdarstellung beschäftigt sich sein Rechtsvertreter mit dem Vorgehen unterschiedlichster Akteure in den Tagen vor seinem Abgang und danach.

Ob sein "Nein" zu einer Luxus-Pensionsregelung für ORF-Topverdiener Pius Strobl Stein des Anstoßes gewesen sein könnte, will "Heute" wissen. Immerhin vertraut die Frau, die ihn ungebührlichen Verhaltens bezichtigt, auf die Dienste desselben Anwalts wie Strobl. "Ich beteilige mich nicht an Schmutzkübeln", so Weißmann.

{title && {title} } coi, {title && {title} } 16.04.2026, 06:00
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