Es ist ein Anblick, der Tierfreunden das Herz bricht: Fünf kleine Orang-Utans, drei Männchen und zwei Weibchen, wurden Anfang September in einem Waldgebiet im ostindischen Bundesstaat Odisha entdeckt. Dorfbewohner staunten über die fremdartigen Tiere mit ihrem rotbraunen Fell, denn Orang-Utans sind in Indien überhaupt nicht heimisch.
Ihre natürliche Heimat liegt mehr als 2.700 Kilometer entfernt in den Regenwäldern von Borneo und Sumatra. Wie die Nachrichtenagentur Associated Press (AP) am 26. Oktober berichtet, sind die fünf Jungtiere vermutlich Opfer eines internationalen Schmugglerrings.
Besonders erschütternd ist das junge Alter der Menschenaffen. Laut AP sind sie gerade einmal sechs bis acht Monate alt. In diesem Alter wären Orang-Utans in freier Wildbahn noch vollkommen von ihren Müttern abhängig. Bis zu neun Jahre bleiben die Jungtiere an deren Seite, lernen Nahrung zu finden, Nester zu bauen und im dichten Blätterdach zu überleben. Dass die fünf Babys ohne ihre Mütter in Indien auftauchten, lässt Tierschützer das Schlimmste befürchten: Um an den begehrten Nachwuchs zu gelangen, werden die erwachsenen Weibchen von Wilderern häufig getötet. Ob dies auch bei diesen fünf Tieren geschah, ist bislang nicht bewiesen.
Inzwischen werden die kleinen Menschenaffen im Nandankanan-Zoo in Bhubaneswar versorgt. Tierpfleger sollen ihnen sogar klassische Musik vorspielen, um sie zu beruhigen. Doch selbst die liebevollste Betreuung kann die verlorene Nähe zur Mutter nicht ersetzen.
Der Fall wirft ein erschreckendes Licht auf den boomenden Handel mit exotischen Wildtieren. Indien entwickelt sich nach Einschätzung internationaler Experten zu einem wichtigen Absatzmarkt für geschmuggelte Menschenaffen. Besonders wohlhabende Sammler betrachten seltene Tiere offenbar zunehmend als prestigeträchtige Statussymbole.
Dabei geht es um enorme Summen: Einer Studie der National University of Singapore aus dem Jahr 2026 zufolge wird der weltweite illegale Wildtierhandel auf rund 34 Milliarden US-Dollar jährlich geschätzt. Allein zwischen 2021 und 2024 wurden laut internationalen Artenschutzdaten 41 Orang-Utans nach Indien importiert. Ob sämtliche Tiere tatsächlich aus legalen Nachzuchten stammen, wird von Fachleuten bezweifelt. Die hohen Gewinne machen das Geschäft für kriminelle Netzwerke besonders attraktiv – selbst wenn zahlreiche Tiere den Transport nicht überleben.
Immerhin gibt es für die fünf kleinen Menschenaffen einen Hoffnungsschimmer. Die indonesische Regierung bemüht sich bereits um ihre Rückführung. Fachleute sollen die Herkunft der Tiere mittels genetischer Untersuchungen klären und ihren Gesundheitszustand beurteilen. Anschließend könnte eine langjährige Rehabilitation in einem spezialisierten Schutzzentrum folgen. Ob die Orang-Utans jemals wieder in Freiheit leben können, ist allerdings noch ungewiss.
Fest steht: Alle drei Orang-Utan-Arten gelten als vom Aussterben bedroht. Neben der Zerstörung ihrer Regenwälder durch Abholzung, Landwirtschaft und Bergbau setzt ihnen auch der illegale Wildtierhandel massiv zu. Für die fünf Babys kommt jede Hilfe zu spät, um ihre Kindheit an der Seite ihrer Mütter zurückzubekommen. Doch vielleicht gibt es für sie eines Tages zumindest eine zweite Chance auf ein Leben in ihrer natürlichen Heimat.