Der Morgen ist hektisch, der Wecker wurde vielleicht noch einmal weitergedrückt – und plötzlich bleibt für das Make-up zu Hause keine Zeit mehr. Für viele Pendler wird deshalb der Zug kurzerhand zum Beauty-Salon auf Schienen. Während manche lesen, Musik hören oder durch Social Media scrollen, wird auf dem Nebensitz Foundation verblendet, Rouge aufgetragen und die Wimpern getuscht. Für die einen ist das ein cleveres Zeitmanagement, für die anderen ein absolutes Tabu. Darüber wird nun immer häufiger heftig diskutiert.
Im Netz gehen die Meinungen dazu allerdings weit auseinander. Viele zeigen sich beeindruckt von der ruhigen Hand der Hobby-Visagisten, die selbst bei ruckelnder Fahrt einen perfekten Lidstrich ziehen. Unter TikTok-Videos häufen sich Kommentare wie: "Ich bewundere Menschen, die ihr Make-up im Zug auftragen können."
Influencerin Millie etwa schminkt sich regelmäßig während der Zugfahrt – und ihre Community interessiert sich dabei oft mehr für die verwendeten Produkte als für den ungewöhnlichen Ort. Auch Journalistin Michèle Binswanger verteidigte diese Angewohnheit bereits in einem Meinungsbeitrag im "Tages-Anzeiger". Sie schrieb 2023: "Obschon zugegebenermassen nicht besonders stilvoll, ist die öffentliche Schönheitsroutine harmlos und geht kaum mit Schmutz- oder Geruchsbelästigung einher."
Doch längst nicht alle sehen das so gelassen. Kritiker finden, dass Körperpflege grundsätzlich in die eigenen vier Wände gehört und im öffentlichen Raum nichts verloren hat. Für sie überschreitet das Schminken im Zug eine unsichtbare Grenze zwischen Privatem und Öffentlichem.
Wie emotional das Thema diskutiert wird, zeigt auch ein Erlebnis der Influencerin Eva. Als sie sich während einer Zugfahrt schminkte, sprach sie eine Mitreisende direkt an und sagte: "Ich find's abartig."
Die Diskussion zeigt: Beim Schminken im Zug scheiden sich die Geister. Während die einen darin schlicht praktisches Zeitmanagement sehen, empfinden andere die Beauty-Routine zwischen Sitzreihen als unpassend. Wo verläuft für dich die Grenze?