Bezüge gestrichen

"Weil ich kein Auto habe" – AMS meldet 56-Jährigen ab

Alexander G. findet nach einer Knie-OP keinen Job mehr. Nach einer Frist, um seine Mobilität wiederherzustellen, wurde ihm sein Bezug gestrichen.
Aram Ghadimi
28.01.2026, 05:00
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Alexander G. (Name geändert) ist aufgebracht: "Vor ein paar Tagen wurde ich einfach vom AMS-Bezug abgemeldet." Nachdem G. 2016 ein künstliches Kniegelenk bekommen hatte, kann er heute kaum noch gehen. Im Behindertenausweis des 56-Jährigen ist zudem vermerkt, dass er keine öffentlichen Verkehrsmittel benutzen kann. AMS-Maßnahmen haben nicht gegriffen – auch nach unzähligen Bewerbungen fand sich kein Job. Nun soll G. zum Sozialamt gehen, heißt es vom AMS Niederösterreich.

"Ich habe keinen großen Hass oder so etwas, aber das AMS könnte zumindest besser erklären, warum man mich vor die Türe setzt", sagt der gelernte Baufacharbeiter für Hochbau zu "Heute". Die Ausbildung dazu schloss er in Lutherstadt Eisleben (Sachsen-Anhalt) ab – damals noch DDR. "Um die Wende war ich in der Volksarmee, Grenztruppe bis 1989."

Nach dem Zusammenbruch des Honecker-Staates habe es bei seinem Lehrbetrieb BMK Chemie, einem von acht zentral geleiteten Bau- und Montagekombinaten mit Zehntausenden Mitarbeitern, keinen Job mehr gegeben.

Das Kombinat wurde privatisiert, firmierte zunächst als Aktiengesellschaft und wurde schließlich 1991 durch die sogenannte Treuhand (eine Privatisierungsbehörde) als sanierungsfähig eingestuft. Im Jahr 2005 hatte der Nachfolgerbetrieb der BMK, die HMB (Hallesche Mitteldeutsche Bau-Aktiengesellschaft, Anm.) aber nur noch 32 Mitarbeiter.

Prothese bekommen, Job weg

Alexander G. zog wenige Jahre nach der Jahrtausendwende nach Österreich, nachdem er zuerst mit seinem Bruder nach München gegangen war. Wenn es um Arbeit ging, habe er sich nie geschont. In der Produktion, im Lager, beim Baumarkt und in der Wäscherei – "17 Jahre lang habe ich mit kaputtem Knie gearbeitet, bis es einfach nicht mehr ging. Das war 2016. Damals bekam ich eine Prothese und verlor meine Arbeit."

Seitdem habe es trotz Bemühungen seinerseits, wie auch vonseiten des AMS, nie wieder am Arbeitsmarkt geklappt: "Auch nach Umschulungsmaßnahmen durch itworks und das BBRZ gibt es für mich nirgendwo einen Job. Am AMS saß ich neben Leuten, die gerade von der Schule abgegangen waren", beschreibt G. seine Lage: "Ich versuche seit zehn Jahren Arbeit zu finden."

Problem der Mobilität

In der flexibilisierten Gesellschaft wird Immobilität zu einem Problem, egal ob sie das Knie oder ein fehlendes Kfz betrifft: "Mir wurde letztes Jahr, am 21.10. 2025, mitgeteilt, dass ich mir ein Auto oder anderes motorisches Gefährt zulegen soll, um weiter beim AMS bleiben zu können", erzählt der 56-Jährige gegenüber "Heute" und verweist auf eine Niederschrift. In dem Dokument, das "Heute" vorliegt, heißt es: "Ich wurde informiert, dass die Vormerkung beim AMS aufgrund fehlender Mobilität beendet wird, und der Leistungsbezug eingestellt wird." G. hat, wie sein Berater, unterschrieben.

"Dem Berater habe ich gesagt, dass ich mir vom Notstandsgeld kein Auto oder dergleichen leisten kann", sagt G. hörbar aufgeregt: "Ich bin doch bereit, öffentliche Verkehrsmittel zu benutzen, um einen neuen Job anzunehmen – auch mit 60 Prozent Gehbehinderung." Den Leistungsbezug habe man trotzdem einfach eingestellt: "Am 22. Jänner wurde ich von AMS Mödling gekündigt."

Unklare Aussichten

G. hat bei verschiedenen Stellen versucht herauszufinden, was vorgefallen war: "Heute, am Dienstag (27.1. 2026, Anm.), habe ich von der BH in Mödling den wahren Hintergrund meiner Abmeldung erfahren: Der Grund ist, dass ich einen Behindertenausweis habe, in dem vermerkt ist, dass ich keine Öffis benutzen kann." Das habe auch seinen AMS-Berater rechtlich abgesichert, soll G. erfahren haben: "Im Moment habe ich beim Sozialamt nachgefragt, wie es mit meiner aktuellen Situation und mir weitergehen kann."

AMS klärt auf

"Heute" hat beim AMS Niederösterreich nachgefragt. Man habe sich den Fall zusammen mit der Ombudsstelle, wo sich zuvor auch schon Herr G. gemeldet habe, angesehen und dann direkt mit den Kollegen und Kolleginnen des AMS Mödling besprochen. Die Antwort des AMS fällt entsprechend detailliert aus:

"Nach einer Erkrankung kann Herr G. in seinem bisherigen Berufsfeld (als Arbeiter in der Produktion, Lagerist) nicht mehr zurückkehren", stellt das AMS fest. Man habe daher von 2018 bis 2019 eine "Umschulung im Bereich Büroberufe unterstützt." Doch: "Daran anschließende Arbeitstrainings und die auf Herrn G. zugeschnittenen AMS-Beratungsprogramme blieben leider ohne Erfolg – seit 2023 ist er mit kleinen Unterbrechungen nicht mehr beruflich aktiv."

Drei Monate Frist

Im Oktober 2025 habe Herr G. dann seinem Berater erklärt, dass er keine Perspektive sehe, eine Arbeit aufzunehmen, schreibt das AMS: "Sein Auto sei kaputt und er könne sich kein neues oder eine Reparatur leisten. Laut seinem Behindertenpass sei ihm aufgrund seiner körperlichen Gebrechen auch eine Fahrt mit einem Öffi nicht zumutbar (kann nicht ein- und aussteigen)."

Dann heißt es vom AMS: "Vor diesem Hintergrund wurde Herr G. aufgeklärt, dass er nur dann weiter AMS-Kunde bleiben kann, wenn er dem Arbeitsmarkt – das heißt der Arbeitsvermittlung bzw. der Vorbereitung darauf – auch zur Verfügung steht."

"Ist das nicht der Fall, kann er keine AMS-Leistungen erhalten und wird vom Bezug abgemeldet. Denn das Ziel des AMS ist ja, Jobsuchende wieder in den Arbeitsmarkt zu integrieren", fasst das AMS zusammen. Im Oktober 2025 habe ihn sein Berater informiert, dass er nun 3 Monate Zeit habe, um seine Mobilität wiederherzustellen.

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"Haben Bezug eingestellt"

Beim besagten Termin am 22. Jänner habe sich aber gezeigt, dass sich an der Situation von Herrn G. nichts verändert hat: "Deswegen hat das AMS den Leistungsbezug eingestellt." Herr G. werde darüber mit einem Bescheid informiert, gegen den er rechtliche Schritte unternehmen könne: "Um seine Existenz abzusichern, empfehlen wir Sozialhilfe zu beantragen."

Dazu sagt Alexander G.: "Wenn ich eine Arbeitsstelle von euch bekäme, dann würde ich mit Bus und Bahn – mit egal welchem Verkehrsmittel – anreisen. Ich will etwas Produktives tun. Damit ist nicht Security gemeint, wie mir mein Berater angeboten hat. Ich kann ja einem Räuber nicht mal hinterherlaufen." Jetzt möglicherweise in die Sozialhilfe abgeschoben zu werden, bereite ihm Sorgen: "Österreich ist ja gegenwärtig ein Vorreiter sozialer Härte."

{title && {title} } agh, {title && {title} } Akt. 28.01.2026, 11:45, 28.01.2026, 05:00
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