Die Sonne brennt vom Himmel, die Erde im Beet wirkt trocken und die Blumen lassen bereits die Köpfe hängen. Viele Hobbygärtner greifen dann reflexartig zur Gießkanne – nur um kurz darauf von einer Warnung ausgebremst zu werden: Pflanzen sollte man in der Mittagshitze auf keinen Fall gießen. Angeblich würden die Wassertropfen wie kleine Brenngläser wirken und die Blätter verbrennen. Doch stimmt das tatsächlich oder handelt es sich um einen der hartnäckigsten Gartenmythen überhaupt?
Die Vorstellung klingt zunächst logisch: Wassertröpfchen sitzen auf den Blättern, bündeln die Sonnenstrahlen und verursachen dadurch Verbrennungen auf der Pflanze. Schließlich funktioniert genau nach diesem Prinzip auch eine Lupe, mit der Sonnenlicht gebündelt werden kann. Doch bei Pflanzen ist die Sache deutlich komplizierter.
Physiker haben sich genau mit dieser Frage beschäftigt – und kommen zu einem überraschenden Ergebnis: In den allermeisten Fällen entsteht der befürchtete Brennglas-Effekt gar nicht. Damit ein Wassertropfen wie eine Lupe wirken könnte, müsste er eine ganz bestimmte Form besitzen. Außerdem müsste das Sonnenlicht in einem exakten Winkel auf den Tropfen treffen und der Brennpunkt genau auf der Blattoberfläche liegen. Unter natürlichen Bedingungen passiert das nur äußerst selten.
Wissenschaftler der Universität Budapest untersuchten bereits vor Jahren, ob Wassertropfen tatsächlich Sonnenbrand bei Pflanzen verursachen können. Dafür setzten sie unterschiedlich geformte Tropfen auf verschiedene Blätter und simulierten die Bedingungen zusätzlich am Computer.
Das Ergebnis: Auf glatten, haarlosen Blättern ist es sehr unwahrscheinlich, dass Wassertropfen Schäden verursachen. Lediglich bei Pflanzen mit sehr feinen Härchen könnten festgehaltene Tropfen unter bestimmten Bedingungen tatsächlich zu kleinen Verbrennungen führen.
Was viele nicht wissen: Verdunstendes Wasser sorgt sogar für einen kühlenden Effekt auf der Pflanze. Wenn Feuchtigkeit von der Blattoberfläche verdunstet, wird Wärme entzogen. Das funktioniert ähnlich wie Schweiß auf unserer Haut. Der gefürchtete Sonnenbrand durch einzelne Wassertropfen scheint daher deutlich weniger problematisch zu sein als oft behauptet wird.
Ganz entwarnen wollen Experten trotzdem nicht. Das Problem liegt allerdings weniger bei den Blättern als beim Wasserverbrauch: In der prallen Mittagssonne verdunstet ein großer Teil des Gießwassers bereits an der Oberfläche, bevor es überhaupt die Wurzeln erreicht.
Dadurch wird wertvolles Wasser verschwendet, besonders in heißen Sommermonaten. Hinzu kommt, dass kaltes Leitungswasser auf stark erhitzte Erde oder Pflanzen einen Temperaturstress auslösen kann.
Gartenprofis empfehlen deshalb weiterhin, Pflanzen möglichst früh am Morgen oder am Abend zu gießen. Zu diesen Zeiten sind die Temperaturen niedriger, das Wasser kann besser in den Boden eindringen und steht den Pflanzen länger zur Verfügung. Außerdem profitieren die Wurzeln stärker von der Feuchtigkeit, bevor die nächste Hitzeperiode beginnt.
Entscheidend ist nicht nur der Zeitpunkt, sondern auch die Technik: Statt die Blätter zu benetzen, sollte das Wasser möglichst direkt auf die Erde rund um die Pflanze gelangen. Dort wird es tatsächlich gebraucht.
Wer langsam und gezielt im Wurzelbereich gießt, sorgt dafür, dass die Feuchtigkeit tief in den Boden eindringen kann – und die Pflanzen selbst heiße Sommertage deutlich besser überstehen.