Ein Sackerl aus der Trafik, die Matura im Juni und der Rauchfangkehrer vor der Tür: Wer in Österreich aufgewachsen ist, muss bei diesen Wörtern nicht lange überlegen. Doch angesichts von Social Media, Streaming und immer stärker international geprägter Sprache könnte man meinen, dass typisch österreichische Begriffe langsam verschwinden. Eine riesige Datenanalyse zeigt nun: Ganz so schnell lassen sich Paradeiser, Jänner und Co. offenbar nicht vertreiben.
Forscher der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) und der Universität Wien haben untersucht, wie sich Austriazismen in heimischen Zeitungen über mehr als zwei Jahrzehnte entwickelt haben. Das Ergebnis: erstaunlich wenig.
Für die laut Sprachwissenschafterin Alexandra N. Lenz bisher größte Untersuchung dieser Art griff das Team auf das "Austrian Media Corpus" zurück. Analysiert wurden mehr als 50 Millionen Zeitungsartikel aus den Jahren 2001 bis 2023.
Dabei suchten die Forscher nicht einfach nach bekannten Begriffen wie "Paradeiser" oder "Erdapfel". Sie verglichen verschiedene Wörter für dieselbe Sache miteinander – beispielsweise "Jänner" mit "Januar" oder "Rauchfangkehrer" mit "Schornsteinfeger", "Kaminkehrer" und "Kaminfeger". Insgesamt untersuchte das Team 76 solcher Wortgruppen mit mehr als 200 Varianten.
Gerade beim Paradeiser zeigt sich, wie hartnäckig österreichisches Deutsch sein kann. Zwar liegt die "Tomate" in heimischen Zeitungen mit einem Anteil von rund 60 Prozent vorne, doch der "Paradeiser" hält sich – besonders im Osten Österreichs.
Ähnlich stabil zeigen sich Klassiker wie "Jänner", "Trafik", "Maturant" und "Sackerl". Wörter, die bereits vor zwei Jahrzehnten häufig verwendet wurden, sind auch heute stark vertreten. "Austriazismen, die schon 2001 selten waren, sind auch heute nicht viel häufiger – aber sie sind erstaunlicherweise nicht verloren gegangen", erklärt Lenz gegenüber der APA.
Besonders eindeutig fällt das Ergebnis beim "Rauchfangkehrer" aus. In österreichischen Zeitungen wird dieser Ausdruck in rund 95 Prozent der untersuchten Fälle verwendet. Regional sieht die Sache allerdings anders aus. In Westösterreich erreicht beispielsweise der "Kaminkehrer" einen deutlich höheren Anteil – und auch dieser blieb über die Jahre weitgehend stabil.
Dasselbe Muster zeigt sich beim Beruf des Fleischverkäufers. "Fleischhauer", "Fleischer", "Metzger" und "Schlachter" existieren nebeneinander, wobei die Verteilung je nach Region unterschiedlich ausfällt. "Metzger" und "Schlachter" sind etwa im Westen stärker verbreitet. Für Lenz zeigt das, dass die oft simple Gegenüberstellung von österreichischen und bundesdeutschen Begriffen zu kurz greift. Innerhalb Österreichs existiert selbst eine beträchtliche sprachliche Vielfalt.
Unsterblich sind Austriazismen allerdings nicht. "Augendeckel" als Bezeichnung für das Augenlid wurde früher noch als österreichische Variante in Wörterbüchern geführt, spielt heute aber kaum mehr eine Rolle.
Auch der "Feber" verliert langsam an Boden. Ob ein Begriff überhaupt als Austriazismus gilt, hängt dabei von mehreren Faktoren ab: Er sollte entsprechend in Wörterbüchern gekennzeichnet sein, tatsächlich verwendet und von Sprechern als typisch österreichisch wahrgenommen werden.