Man freut sich den ganzen Tag auf ein bestimmtes Essen. Vielleicht saftiges Hähnchen, frisch aus der Pfanne. Der erste Bissen – und plötzlich ist alles anders. Der Geschmack wirkt komisch, die Konsistenz irritiert, ein leichtes Unbehagen macht sich breit. Was eben noch appetitlich war, erscheint auf einmal abstoßend. Ein Gefühl, das viele kennen – und das jetzt auf TikTok einen Namen hat: "Chicken Ick".
Der Begriff beschreibt einen Moment, in dem sich die eigene Wahrnehmung schlagartig verändert. Ohne ersichtlichen Grund wird das Essen ungenießbar – zumindest im Kopf.
Was lange als individuelles Problem galt, entpuppt sich online als Massenphänomen. Tausende User teilen ihre Erfahrungen, vergleichen Situationen und stellen fest: Sie sind längst nicht allein mit diesem plötzlichen Ekelgefühl.
Für Psychologe Lorenzo Stafford von der Universität Portsmouth ist das Phänomen erklärbar. Entscheidend sei, dass das Essen plötzlich "anders schmeckt, riecht oder aussieht" als erwartet. Auch ungewohnte Zutaten spielen laut Stafford eine Rolle: Schon kleine Abweichungen vom Gewohnten können reichen, damit das Gehirn auf Ablehnung schaltet.
Ein weiterer Auslöser ist überraschend: das Handy. Wer vor dem Essen durch unangenehme Food-Videos scrollt, beeinflusst unbewusst die eigene Wahrnehmung. Stafford verrät gegenüber "Ladbible": Wer "durch unappetitliche Mahlzeiten scrollt, kann beeinflussen, wie du dein eigenes Essen anschließend wahrnimmst". Das Gehirn überträgt diese Eindrücke – und der Appetit leidet.
Auch das Umfeld hat Einfluss: "Wenn du das Gericht in der Nähe von jemandem zubereitest, der Ekel zeigt, kann das deine eigene Ekelreaktion beeinflussen", so Stafford. Dieses Phänomen nennt sich "emotionale Ansteckung" – und tritt besonders stark in sozialen Situationen wie beim Dating auf.
Für manche bleibt es bei einem kurzen Moment. Andere berichten, dass der "Chicken Ick" ihre Essgewohnheiten dauerhaft verändert hat. In sozialen Netzwerken schreiben User, sie hätten danach komplett auf Fleisch verzichtet. Aus einem flüchtigen Ekel wird plötzlich eine klare Entscheidung.
Ganz vermeiden lässt sich das Gefühl nicht. Laut Experten kann es aber helfen, Mahlzeiten anders zuzubereiten oder von jemand anderem kochen zu lassen. Auch weniger negative Reize vor dem Essen, wie durch Social Media, können einen Unterschied machen.