"Wir brauchen endlich große Reformen und nicht nur kleine Reförmchen", sagt Unternehmer und Industriepräsident Kari Ochsner zu "Heute". Und das müsse die Regierung jetzt angehen. Damit meint er unter anderem die Anhebung des gesetzlichen Pensionsantrittsalters. In seinem Betrieb stelle er übrigens regelmäßig Mitarbeiter ab 60 ein, und zwar besonders gerne: "Ich sage immer, Leistung hat kein Alter."
Im großen "Heute"-Interview spricht sich Ochsner außerdem dafür aus, die Arbeitszeit generell zu erhöhen beziehungsweise ein bis zwei Feiertage zu streichen. Beim Thema Gesundheitsreform plädiert er für eine Ambulanzgebühr.
Und der Wärmepumpen-Unternehmer, der sich selbst als "konservativen Klimaschützer" bezeichnet, erklärt, warum er nichts davon hält, dass Österreich zehn Jahre früher als es die EU vorgibt klimaneutral sein möchte.
"Heute": Herr Ochsner, wie krank ist der Wirtschaftsstandort Österreich derzeit?
Kari Ochsner: Wir haben uns in den vergangenen Jahren in einer ausgewachsenen Industriekrise befunden. Es wurde wenig investiert, Arbeitsplätze sind verloren gegangen und Betriebe abgewandert. Mittlerweile gibt es aber auch wieder positive Nachrichten und Investitionsentscheidungen. Also ein kleines Konjunkturlichtlein am Ende des Tunnels. Aber wir dürfen jetzt nicht glauben, dass wieder alles in Ordnung ist.
"Heute": Was muss passieren?
Ochsner: Die Bundesregierung hat sich mit ihrer Industriestrategie das Ziel gesetzt, Österreich wieder unter die zehn besten Industrieregionen der Welt zu bringen. Aber gute Überschriften alleine reichen nicht. Wir brauchen endlich große Reformen und nicht nur kleine Reförmchen.
"Heute": Sind Sie mit der Arbeit der Bundesregierung zufrieden?
Ochsner: Ich bin mit vielen Überschriften einverstanden. Aber jetzt muss umgesetzt werden.
Kari Ochsner (52) ist Unternehmer und seit November 2023 auch Präsident der Industriellenvereinigung (IV) Niederösterreich. Er leitet seit 2008 in fünfter Generation das Familienunternehmen Ochsner Wärmepumpen mit Sitz in Haag (NÖ). Das Unternehmen ist internationaler Technologieführer der Branche.
"Heute": Fürchten Sie, dass die Turbulenzen in der SPÖ die Koalition lähmen?
Ochsner: Österreich braucht auch eine starke und verlässliche Sozialdemokratie. Das Problem ist, dass die SPÖ derzeit viel zu sehr mit sich selbst beschäftigt ist. Es gibt durchaus viele Realisten in der Partei, die wissen, was wirtschaftlich machbar ist.
„Die FPÖ will meiner Meinung nach ohnehin nicht regieren – egal, was sie sagt.“Kari Ochsner Unternehmer und Präsident der IV NÖ
"Heute": Wären Neuwahlen eine Lösung?
Ochsner: Nein, überhaupt nicht. Diese Regierung wurde gewählt, um zu arbeiten. Die FPÖ will meiner Meinung nach ohnehin nicht regieren – egal, was sie sagt. Wir haben jetzt diese Regierungskonstellation und von ihr müssen die notwendigen Reformen vorangebracht werden.
"Heute": Welche Reformen wären Ihnen am wichtigsten?
Ochsner: Beginnen wir mit der Pensionsreform. Wir werden alle gesünder älter. Deshalb ist es zumutbar, dass wir schrittweise zwei oder drei Jahre länger arbeiten.
"Heute": Sie plädieren dafür, das gesetzliche Pensionsalter erhöhen?
Ochsner: Genau, aber schrittweise! Es geht nicht darum, jemandem, der nächstes Jahr in Pension geht, plötzlich zu sagen, dass er drei Jahre länger arbeiten muss. Sondern zunächst einen Monat. Im nächsten Jahr wieder einen Monat.
"Heute": Das soll für alle gelten?
Ochsner: Nicht für körperlich besonders belastende Berufe. Wer beispielsweise 40 Jahre im Schichtbetrieb schwere körperliche Arbeit verrichtet hat, für den müssen 40 Jahre genug sein. Aber der Großteil der Gesellschaft muss zur Kenntnis nehmen, dass wir länger leben, länger gesund sind und daher auch länger arbeiten müssen. Diese Pensionsreform muss jetzt angegangen werden.
„In meinem Unternehmen stellen wir ausdrücklich 60-Jährige ein. Die Einstellung zur Leistung ist bei vielen 50- bis 60-Jährigen deutlich höher als bei so manchen 25-Jährigen.“Kari Ochsner Unternehmer und Präsident der IV NÖ
"Heute": Würden Sie selbst in Ihrem Unternehmen noch 60-Jährige einstellen?
Ochsner: Ich würde nicht nur, ich mache das regelmäßig! Wir stellen ausdrücklich 60-Jährige ein. Das fällt uns sogar leicht, weil die Einstellung zur Leistung bei vielen 50- bis 60-Jährigen deutlich höher ist als bei so manchen 25-Jährigen. Für diese Menschen sind 40 Stunden Arbeit und mehr meist völlig normal. Ich sage immer: Leistung kennt kein Alter.
"Heute": Sie haben früher auch gefordert, dass die Österreicher mehr Stunden arbeiten sollen. Halten Sie daran fest?
Ochsner: Ja. Diese Forderung war ursprünglich eine Gegenposition zur Gewerkschaft und zu SPÖ-Vizekanzler Babler, der die Idee von der 32-Stunden-Woche bei vollem Lohnausgleich hatte. Das hätte unserem Wirtschaftsstandort endgültig den Rest gegeben.
Da mussten wir eine Gegenposition aufbauen und haben gesagt: Warum weniger arbeiten? Arbeiten wir doch eine Stunde mehr. Wir stehen im internationalen Wettbewerb und müssen uns daran messen, wie viel in anderen Ländern gearbeitet wird.
"Heute": Was wäre aus Ihrer Sicht zumutbar?
Ochsner: Wenn jeder am Tag eine Viertelstunde länger arbeitet, wäre das schon etwas. Oder wir verzichten auf den einen oder anderen Feiertag. In einer Zeit, in der wir unser Land wieder nach vorn bringen müssen, halte ich das für zumutbar.
„Wenn jeder am Tag eine Viertelstunde länger arbeitet, wäre das schon etwas. Oder wir verzichten auf den einen oder anderen Feiertag.“Kari Ochsner Unternehmer und Präsident der IV NÖ
"Heute": Wie viele Feiertage sollten Ihrer Ansicht nach ausfallen?
Ochsner: Wenn wir ein bis zwei Feiertage im Jahr streichen würden, hätte deshalb niemand weniger Lebenskomfort. Niemand müsste auf seine Hobbys verzichten. Ich bin überzeugt, dass in zehn Jahren kaum noch jemand wissen würde, dass es diese Feiertage gegeben hat.
"Heute": Statt mehr, wollen viele Menschen weniger arbeiten, Stichwort Teilzeit.
Ochsner: Wer Kinder betreut oder Angehörige pflegt, für den ist Teilzeit selbstverständlich sinnvoll und wichtig. Wenn aber jemand lieber nur 20 Stunden arbeitet, weil er dann mehr Rad fahren kann, hat das Konsequenzen. Natürlich darf jeder freiwillig weniger arbeiten. Aber dann verdient er eben auch weniger und zahlt weniger ins Pensionssystem ein. Man kann dann nicht erwarten, dass andere, die ihr Leben lang 40 Stunden gearbeitet haben, am Ende alles ausgleichen.
"Heute": Sollte sich Vollzeitarbeit finanziell stärker lohnen?
Ochsner: Unbedingt. Menschen müssen wieder das Gefühl haben, dass sie sich mit Leistung etwas aufbauen können. Jeder überlegt, wie viel Zeit er mit Arbeit verbringen möchte und was ihm Freizeit wert ist. Wenn der finanzielle Unterschied zwischen mehr und weniger Arbeit zu gering ist, wird man sich eher für die Freizeit entscheiden.
"Heute": Sie fordern auch eine Gesundheitsreform. Wo würden Sie ansetzen?
Ochsner: Wir müssen Doppelgleisigkeiten beseitigen. Es kann nicht jedes Krankenhaus alles anbieten. Und es kann nicht sein, dass Menschen am Wochenende in eine Spitalsambulanz gehen, weil sie ein Pflaster oder eine Kopfschmerztablette brauchen.
"Heute": Was wäre Ihre Lösung?
Ochsner: Wenn jemand das unbedingt möchte, soll er zum Beispiel 25 Euro Ambulanzgebühr bezahlen. Von diesen 25 Euro wird der Staat nicht reich. Aber es würde viele Menschen dazu bringen, zu überlegen, ob sie wirklich sofort in die Ambulanz müssen. Selbstverständlich braucht es Ausnahmen für sozial Schwache und echte Notfälle.
"Heute": Sie plädieren zudem für einen massiven Bürokratieabbau. Was läuft da falsch?
Ochsner: Wir haben in Österreich die Angewohnheit, bei Vorgaben aus Brüssel noch etwas draufzusetzen. Wir wollen alles noch komplizierter machen und der größte Musterschüler sein. Das kostet uns Milliarden Euro.
„Müssen wir in Österreich unbedingt zehn Jahre früher klimaneutral sein? Das ist aus meiner Sicht sinnbefreit.“Kari Ochsner Unternehmer und Präsident der IV NÖ
"Heute": Gilt das auch für den Klimaschutz? Österreich will 2040 klimaneutral sein, die EU erst 2050.
Ochsner: Das ist ein gutes Beispiel. Ich stehe voll hinter dem europäischen Klimaziel 2050. Aber warum müssen wir in Österreich unbedingt zehn Jahre früher klimaneutral sein? Das ist aus meiner Sicht sinnbefreit. Wir belasten unseren Standort über Gebühr, schwächen die Industrie und bringen dem Klima unter diesen Bedingungen nichts.
„Ich würde mich als konservativen Klimaschützer bezeichnen.“Kari Ochsner Unternehmer und Präsident der IV NÖ
"Heute": Sie sind selbst in der Umwelttechnologie tätig. Ist das nicht ein Widerspruch?
Ochsner: Überhaupt nicht. Ich würde mich als konservativen Klimaschützer bezeichnen. Unsere Industrie produziert besonders sauber. Wenn wir energieintensive Betriebe durch überzogene Vorgaben zur Abwanderung zwingen, wird womöglich anderswo unter weniger nachhaltigen Bedingungen produziert.
"Heute": Gleichzeitig ist die Umwelttechnik eine große wirtschaftliche Chance für Österreich.
Ochsner: Eine riesige Chance! Wir haben in Österreich eine Umwelttechnikindustrie mit Tausenden Betrieben, Zigtausenden Arbeitsplätzen und mehr als 21 Milliarden Euro Umsatz. Besonders wichtig ist, dass wir unsere Energieunabhängigkeit vorantreiben. Wir müssen unsere eigene Stromerzeugung mit Wasserkraft, Photovoltaik, Windkraft und Pumpspeicherkraftwerken etc. massiv ausbauen.
"Heute": Wie läuft Ihr Geschäft mit Wärmepumpen?
Ochsner: Die Nachfrage in Österreich ist heuer nicht gut. Das liegt teilweise an der finanziellen Situation vieler Haushalte, aber vor allem am ständigen Hin und Her bei den Förderungen. Wichtig wäre eine langfristige Planung. Wenn die Bedingungen ständig geändert werden, warten die Menschen einfach ab. Ich bin froh, dass es für 2027 wieder vernünftige Investitionsanreize gibt.