Susanne Schröter ist eine der renommiertesten Islam-Forscherinnen und bekannt dafür, sich kein Blatt vor den Mund zu nehmen. Die deutsche Ethnologin und Kulturwissenschaftlerin leitete zuletzt das Frankfurter Forschungszentrum Globaler Islam an der Goethe-Universität Frankfurt. Sie zeigt stets unumwunden auf, wo es in der Integrationspolitik krankt und worauf die Gräben in der Gesellschaft basieren.
Anlässlich eines Besuchs in Wien vergangene Woche gab Schröter "Heute" ein Interview.
"Heute": Frau Schröter, Sie waren jetzt in Wien und haben beim Integrationsfonds ein Seminar gehalten. Im Mittelpunkt stand dabei die Rolle der Frau im Islam. Worum ging es konkret?
Susanne Schröter: Ich habe erklärt, wie im Islam über Frauenrechte gesprochen wird, seit wann es diese Debatten gibt und wie Rechte von Frauen und Männern religiös begründet werden. Dabei habe ich bewusst mit der Frühzeit des Islam begonnen, weil sich viele Muslime bis heute auf diese Zeit beziehen. Gerade wenn es um die Stellung der Frau, um Ehe, Erbe oder das Verhalten im Alltag geht, wird immer wieder auf das Vorbild Mohammeds verwiesen.
"Heute": Warum ist dieser historische Blick für die Gegenwart in Österreich wichtig?
Schröter: Weil genau daraus viele heutige Regeln abgeleitet werden. Wenn Frauen nicht zum Deutschkurs dürfen, wenn Mädchen das Haus nur eingeschränkt verlassen dürfen oder Frauen auf den privaten Bereich beschränkt werden, dann wird das häufig religiös legitimiert. Das ist im Kern die Übertragung eines Systems aus dem 7. Jahrhundert in eine Gesellschaft des 21. Jahrhunderts. Und genau deshalb sind viele Frauen für staatliche Angebote oft so schwer erreichbar.
ÖIF-Seminare zur Integration in Österreich
Der Österreichische Integrationsfonds (ÖIF) bietet im Rahmen seines Frühjahrprogramms 50 kostenlose Weiterbildungen für Menschen, die in ihrem Alltags- und Berufsleben mit integrationsrelevanten Themen zu tun haben – etwa Pädagogen, Lehrkräfte in Deutschkursen, Personal im Gesundheitsbereich oder Vertreter von Behörden, Gemeinden und Unternehmen. Der Fokus liegt auf Deutsch und Arbeit, Frauenförderung, Extremismusprävention und Integration in Bildungseinrichtungen.
„Der Staat muss sehr klar sagen: Wer hier lebt, lebt nach österreichischem Recht.“Susanne SchröterIslam-Forscherin
"Heute": Das passt überhaupt nicht zu einem modernen Rechtsstaat...
Schröter: Genau das ist das Problem. In Umfragen sieht man immer wieder, dass ein Teil der Muslime – auch junge – religiöses Recht über staatliches Recht stellt. Wenn Koran oder Scharia als höher angesehen werden als die Gesetze eines Landes, dann entsteht ein fundamentaler Konflikt mit Rechtsstaat, Demokratie und universellen Menschenrechten. Deshalb muss der Staat sehr klar sagen: Wer hier lebt, lebt nach österreichischem Recht.
"Heute": Ist Integration unter diesen Voraussetzungen überhaupt noch möglich?
Schröter: Ja, aber sie ist kein Automatismus. Genau das hat man viel zu lange geglaubt. Man dachte, die Menschen würden sich schon von selbst anpassen, wenn man ihnen nur Angebote macht. Das stimmt nicht. Menschen bringen eigene Vorstellungen von einem guten Leben mit, und religiöse Überzeugungen können dabei eine enorme Rolle spielen. Wer sehr religiös geprägt ist, bewertet Freiheit, Familie, Geschlechterrollen und Gemeinschaft oft ganz anders als eine weltliche Mehrheitsgesellschaft.
„Integration ist kein Automatismus. Man dachte, die Menschen würden sich schon von selbst anpassen, wenn man ihnen nur Angebote macht. Das stimmt nicht.“Susanne SchröterIslam-Forscherin
"Heute": In Österreich kommen jetzt strengere Maßnahmen – etwa ein Kopftuchverbot in der Schule für Mädchen unter 14. Halten Sie das für sinnvoll?
Schröter: Ja. Der Staat muss zeigen, dass bestimmte Normen gelten und nicht verhandelbar sind. Freiwilligkeit allein reicht oft nicht. Gerade beim Kopftuch für junge Mädchen halte ich eine klare Grenze für richtig. Selbst in konservativen islamischen Auslegungen gibt es vor der Pubertät keine zwingende religiöse Pflicht, ein Kopftuch zu tragen. Gleichzeitig ist das Kopftuch ein starkes Symbol und Ausdruck einer bestimmten religiösen Ordnung. Der Staat darf hier Position beziehen.
"Heute": Reichen solche Verbote und Regeln aus, wenn zu Hause ganz andere Vorstellungen gelten?
Schröter: Einzelne Maßnahmen werden keine Wunder bewirken. Aber in der Summe senden sie ein klares Signal: Hier ist Österreich, hier gelten Gleichberechtigung, Schulpflicht, Rechtsstaat und die gleichen Rechte für Mädchen und Burschen. Dieses Signal war viel zu lange zu schwach. Jetzt braucht es neben Förderung eben auch Forderung.
„Schule muss ein Ort sein, an dem staatliche Regeln gelten – nicht informelle religiöse Machtverhältnisse.“Susanne SchröterIslam-Forscherin
"Heute": Lehrer berichten auch über religiöses Mobbing, vor allem während des Ramadan. Wie ernst ist das Problem?
Schröter: Sehr ernst. Wenn Kinder oder Jugendliche von Mitschülern kontrolliert werden, ob sie essen, trinken oder religiöse Regeln einhalten, dann ist das ein Angriff auf Freiheit im Schulalltag. Problematisch wird es besonders dann, wenn auch Lehrkräfte aus Unsicherheit einknicken. Schule muss ein Ort sein, an dem staatliche Regeln gelten – nicht informelle religiöse Machtverhältnisse.
"Heute": Gilt das auch für andere Konflikte, etwa beim Schulessen oder bei religiösen Sonderwünschen?
Schröter: Ja. Der Staat muss solche Fragen souverän regeln. Schulen sollten nicht ständig unter Druck geraten, ihre Standards an immer neue Forderungen anzupassen. Man kann pragmatische Lösungen anbieten, etwa vegetarisches Essen. Aber die Grundlinie muss sein: Die Schule bestimmt den Rahmen, nicht einzelne religiöse Gruppen.
"Heute": Sind wir als Staat zu tolerant?
Schröter: Es gilt, wieder mehr Selbstbewusstsein zu zeigen. Die westlichen Gesellschaften haben etwas zu bieten. Wir haben auch eine Geschichte, die wichtig ist – nämlich jene der Aufklärung, der Emanzipation. Und diese Werte sind wir nicht bereit aufzugeben, weil wir eine Einwanderungsgesellschaft sind. Sehr viele Musliminnen und Muslime würden das im Übrigen honorieren.
"Heute": Wie kommt es, dass sich auch Jugendliche, die hier geboren und aufgewachsen sind, teilweise radikalisieren?
Schröter: Da wirken mehrere Faktoren zusammen: die Familie, der Druck der Großfamilie, soziale Medien, religiöse Milieus und Organisationen, die Integration eher bremsen als fördern. Für Jugendliche hat Radikalität oft auch die Funktion, dass sie rebellisch sein können, ohne mit der Familie zu brechen. Im Gegenteil: Wer besonders fromm auftritt, wird innerhalb der Familie oft noch aufgewertet. Manche gewinnen dadurch plötzlich Autorität.
"Heute": Wie wichtig sind Sprache und Arbeitsmarkt für gelingende Integration?
Schröter: Entscheidend. Ohne Deutsch funktioniert weder Bildung noch sozialer Aufstieg. Wer die Sprache nicht lernt, bleibt außen vor. Und Arbeit ist ebenfalls zentral, weil dort Kontakte entstehen, Sprache gelernt wird und man Teil der Gesellschaft wird. Integration findet nicht nur in Kursräumen statt, sondern ganz stark im Alltag.
„Der Staat muss Migration und Integration viel konsequenter steuern. Sonst sinkt die Akzeptanz in der Bevölkerung weiter.“Susanne SchröterIslam-Forscherin
"Heute": Viele Menschen haben das Gefühl, dass die Belastung für den Staat durch die Zuwanderung wächst und die Gesellschaft auseinanderdriftet. Was folgt daraus politisch?
Schröter: Der Staat muss Migration und Integration viel konsequenter steuern. Sonst sinkt die Akzeptanz in der Bevölkerung weiter. Wenn Schulen, Wohnungsmarkt, Sozialsystem und Sicherheitsgefühl unter Druck geraten, dann wächst der Unmut. Deshalb braucht es klare Regeln, klare Erwartungen und auch Konsequenzen – bis hin zu Sanktionen und auch Abschiebungen, wenn jemand kein Aufenthaltsrecht hat.
"Heute": Sind Sie trotz all dieser Probleme optimistisch?
Schröter: Selbstverständlich. Alles, was Menschen geschaffen haben, können Menschen auch wieder verändern. Aber wir brauchen dafür einen gesellschaftlichen Minimalkonsens. Eine liberale Demokratie kann nur funktionieren, wenn nicht jede Gruppe nur noch in ihrer eigenen Blase lebt. Freiheit heißt nicht Beliebigkeit. Freiheit braucht gemeinsame Regeln – und den Willen, das Gemeinwesen zu verteidigen.