Makellose Haut, volle Lippen, hohe Wangenknochen und eine Kieferpartie wie mit dem Lineal gezogen: Was uns auf TikTok und Instagram täglich entgegenblickt, sieht oft beinahe zu perfekt aus, um wahr zu sein. Und manchmal ist es das auch: Beauty-Filter und KI erschaffen Gesichter, die sich um Poren, Schwerkraft oder menschliche Anatomie wenig kümmern müssen. Genau diese Bilder werden zunehmend zum Schönheitsideal – und landen inzwischen sogar als Vorlage beim plastischen Chirurgen.
Auch der Wiener plastische Chirurg Albert Fuchs begegnet dem sogenannten "AI Face" zunehmend in seiner Praxis – selbst wenn seine Patientinnen und Patienten den Begriff kaum verwenden: "Ich sehe Wunschbilder mit einer klaren Handschrift: porenlose Haut, hohe Wangenknochen, große mandelförmige Augen, volle Lippen, schmale Nase, scharfe Kinnlinie", erzählt der Arzt im "Heute"-Gespräch.
Besonders häufig werde mittlerweile das eigene, digital optimierte Gesicht zum Vorbild. Patientinnen zeigen ein Selfie mit Beauty-Filter und fragen: "So sehe ich mit Filter aus – können Sie das machen?"
Das Problem: Was am Bildschirm nur wie eine schönere Version des eigenen Gesichts aussieht, kann Proportionen und Hautstruktur so stark verändern, dass das Ergebnis anatomisch gar nicht erreichbar ist.
Wer sich ständig durch Filter betrachtet, gewöhnt sich laut Fuchs an die optimierte Version seiner selbst. Das reale Spiegelbild kann daneben plötzlich müde, uneben oder vermeintlich unattraktiv erscheinen. "Die Baseline hat sich unbemerkt verschoben", erklärt der Chirurg. Hinzu kommen Selfies und Videocalls. Frontkameras, bestimmte Winkel und Lichtverhältnisse können das Gesicht anders erscheinen lassen, als andere Menschen es tatsächlich wahrnehmen.
Die Folge beobachtet Fuchs bereits in seinen Beratungen: Wünsche würden kleinteiliger, gleichzeitig stiegen die Erwartungen.
Besonders gefragt seien derzeit genau jene Merkmale, die auch viele Filter und KI-Bilder prägen: eine definierte Kinnlinie, hohe Wangenknochen, volle Lippen, mandelförmige "Fox Eyes" und eine kleine Nase mit angehobener Spitze. Auffällig sei vor allem, wie ähnlich die Wünsche bei völlig unterschiedlichen Gesichtstypen ausfallen.
"Ein gutes Ergebnis entsteht nicht, indem man ein Trendmerkmal einbaut, sondern indem man die eigenen Proportionen harmonisiert", betont Fuchs. Denn: "Trends vergehen, das Gesicht bleibt."
Darin sieht der Mediziner eine Gefahr des "AI Face": Individuelle Merkmale, die ein Gesicht unverwechselbar machen, könnten zunehmend als Makel wahrgenommen werden, während sich ein digitales Ideal aus denselben Lippen, Nasen und Kinnlinien durchsetzt.
Noch schwieriger wird es, wenn KI Eigenschaften miteinander kombiniert, die sich am menschlichen Gesicht gar nicht entsprechend umsetzen lassen. "Ich operiere an realem Gewebe, mit Narbenbildung, Schwerkraft und Alterung", stellt Fuchs klar. Deshalb müsse in der Beratung zunächst getrennt werden: Was ist medizinisch realistisch – und was existiert nur auf dem Bildschirm?
Nicht jeder Veränderungswunsch sei automatisch problematisch. Hellhörig wird Fuchs allerdings, wenn der Leidensdruck überhaupt nicht zum tatsächlichen Befund passt, jemand sein Gesicht stundenlang vor Spiegel oder Kamera kontrolliert oder von einem Eingriff die Lösung ganz anderer Lebensprobleme erwartet.
Auch eine lange Reihe von Behandlungen, die nie zur erhofften Zufriedenheit geführt haben, könne ein Warnsignal sein. Dahinter kann etwa eine körperdysmorphe Störung stehen. In solchen Situationen kann eine weitere Operation die zugrunde liegende Problematik nicht lösen.
Verantwortung sieht Fuchs allerdings nicht nur bei Patientinnen und Patienten – auch die Beauty-Branche müsse ehrlich mit Bildern umgehen. Besonders kritisch betrachtet er Anbieter, die in sozialen Netzwerken mit stark bearbeiteten Vorher-Nachher-Aufnahmen werben.
Fuchs rät deshalb zu einer gesunden Portion Misstrauen gegenüber vermeintlich perfekten Ergebnissen im Feed: Qualifikation prüfen, nach unbearbeiteten Bildern fragen und sich nicht von digitaler Makellosigkeit blenden lassen.