Der Weltfrauentag ist jedes Jahr ein Anlass, um über Fortschritte in Sachen Gleichberechtigung zu sprechen. Viel hat sich in den vergangenen Jahrzehnten verändert: Frauen sind derzeit so gut ausgebildet wie nie zuvor, starten Karrieren in allen Branchen und übernehmen Verantwortung in Unternehmen. Trotzdem zeigt ein Blick in die Chefetagen großer Konzerne: Ganz oben bleiben sie weiterhin deutlich unterrepräsentiert, obwohl es an Qualifikation, Erfahrung oder Leistung nicht mangelt.
Untersuchungen des internationalen Beratungsunternehmens Hogan Assessments zeigen, dass Männer und Frauen sehr ähnliche Eigenschaften mitbringen, die erfolgreiche Führungskräfte auszeichnen.
"Wenn wir Jahrzehnte an Persönlichkeits- und Leistungsdaten analysieren, sehen wir keine bedeutenden Unterschiede zwischen Männern und Frauen in Bezug auf die Faktoren, die erfolgreiche Unternehmensführung wirklich ausmachen", sagt Allison Howell, CEO von Hogan Assessments. Trotzdem würden viele Unternehmen noch immer an überholten Vorstellungen festhalten, wie eine Führungspersönlichkeit auszusehen hat.
In der Praxis wird Führungspotenzial häufig mit Eigenschaften wie Dominanz, starkem Auftreten oder besonders starkem Selbstbewusstsein verbunden. Diese Signale fallen schnell auf und werden deshalb oft höher bewertet.
Dabei sind andere Fähigkeiten für langfristigen Erfolg mindestens genauso wichtig: gutes Urteilsvermögen, Lernfähigkeit, Selbstkontrolle oder eine klare Motivation. Studien zeigen jedoch, dass diese Eigenschaften im Auswahlprozess häufig weniger Beachtung finden. Für viele Frauen liegt die Herausforderung daher nicht in mangelnder Ambition, sondern im Zugang zu Chancen. Schon früh in der Karriere wird oft entschieden, wer gefördert, unterstützt und sichtbar gemacht wird.
Genau hier entsteht häufig ein strukturelles Problem. Laut der Studie "Women in the Workplace 2023" von McKinsey und LeanIn werden für jeweils 100 Männer, die zum Manager befördert werden, nur 87 Frauen auf diese erste Führungsebene gehoben.
Diese erste Stufe ist entscheidend: Wer hier nicht aufsteigt, hat später deutlich geringere Chancen auf höhere Positionen. Die Ungleichheit setzt sich dadurch über die gesamte Karriere hinweg fort. Auch international zeigt sich dieses Muster: Laut dem "Global Gender Gap"-Report des Weltwirtschaftsforums sind weltweit nur rund 32 Prozent der höchsten Führungsrollen mit Frauen besetzt.
Oft wird argumentiert, Frauen seien weniger ehrgeizig oder wollten seltener an die Spitze. Die Daten zeichnen jedoch ein anderes Bild: "Frauen sind nicht weniger ambitioniert als Männer", erklärt Howell. Wenn sich Frauen gegen den nächsten Karriereschritt entscheiden, liege das häufig an unsicheren Strukturen oder fehlenden Entwicklungsmöglichkeiten, nicht an mangelndem Ehrgeiz.
Mehr Frauen in Führungspositionen sind nicht nur eine Frage der Gleichstellung. Studien zeigen auch klare wirtschaftliche Effekte: Unternehmen mit hoher Geschlechtervielfalt in Führungsteams erzielen mit deutlich höherer Wahrscheinlichkeit bessere finanzielle Ergebnisse.
Beim Thema Führung geht es nicht darum, in ein bestimmtes Muster zu passen: "Man muss sichtbar bleiben, kontinuierlichen Einsatz zeigen und einen authentischen Führungsstil entwickeln", erläutert der Hogan-CEO. Systeme in Unternehmen müssten allerdings ebenfalls lernen, unterschiedliche Führungsstile anzuerkennen und nicht nur jene, die lange als Standard galten.