Das Essen im Restaurant ist falsch, doch du winkst freundlich ab. Im Streit kommt das "Entschuldigung" schon über deine Lippen, bevor du überhaupt weißt, wofür. Und wenn jemand fragt, was du selbst eigentlich möchtest, musst du erst einmal überlegen. Rücksichtsvoll? Vielleicht. Wenn die eigenen Wünsche allerdings ständig hinter jenen anderer verschwinden, könnte dahinter ein Verhaltensmuster stecken, das Psychologen als Echoismus bezeichnen.
Geprägt wurde der Begriff vom US-Psychologen Craig Malkin. Der Name geht auf die griechische Mythologie zurück: Die Nymphe Echo verliert ihre eigene Stimme und kann schließlich nur noch die Worte anderer wiederholen.
Malkin beschreibt Echoismus als Gegenpol zu ausgeprägt narzisstischem Verhalten. Während dort Aufmerksamkeit und Anerkennung gesucht werden, versuchen Echoisten eher, möglichst wenig Raum einzunehmen. "Die größte Angst von Echoisten ist es, egoistisch zu wirken oder anderen zur Last zu fallen", erklärte Malkin gegenüber der "HuffPost".
Wichtig: Echoismus ist keine eigenständige psychische Erkrankung oder offiziell anerkannte Persönlichkeitsstörung. Der Begriff beschreibt vielmehr bestimmte Verhaltensmuster.
Ein deutliches Signal ist die Schwierigkeit, eigene Bedürfnisse überhaupt wahrzunehmen oder auszusprechen. Echoistische Menschen orientieren sich stark daran, was andere möchten – und passen sich entsprechend an.
"Echoisten sind Menschen, die sich stark an dominanteren Personen orientieren und Mühe haben, die eigene Stimme zu finden", erklärt Psychologin Audrey Tang gegenüber der "HuffPost". Hinzu kommt häufig ein unangenehmes Gefühl, sobald plötzlich die eigene Person im Mittelpunkt steht. Komplimente werden heruntergespielt, Lob abgewehrt und Aufmerksamkeit kann regelrecht unangenehm sein. Auch Konflikte werden möglichst vermieden. Manche entschuldigen sich reflexartig, übernehmen schnell die Verantwortung und suchen bei Problemen zunächst den Fehler bei sich selbst – selbst dann, wenn die Situation keineswegs eindeutig ist.
Auf den ersten Blick klingt wenig Egoismus nach einer sympathischen Eigenschaft. Problematisch wird es jedoch, wenn Rücksichtnahme bedeutet, sich selbst dauerhaft aus dem eigenen Leben herauszuhalten.
Psychotherapeutin Donna Christina Savery beschreibt Echoismus gegenüber der "HuffPost" als eine Art Abwesenheit im eigenen Leben. Wer sich permanent nach anderen richtet, kann zunehmend den Kontakt zu den eigenen Wünschen und Bedürfnissen verlieren. Das kann Beziehungen zusätzlich aus dem Gleichgewicht bringen: Einer entscheidet, fordert und bestimmt – der andere passt sich an und versucht, bloß keine Belastung darzustellen.
Ein solches Muster kann bereits in der Kindheit entstehen. Besonders in Familien mit sehr dominanten oder stark selbstbezogenen Bezugspersonen können Kinder lernen, dass Anpassung Sicherheit schafft. Eigene Wünsche werden dann womöglich zurückgestellt, um Streit zu vermeiden oder Zuneigung nicht zu gefährden. Ähnliche Dynamiken können sich auch später in Partnerschaften entwickeln.
Das bedeutet allerdings nicht, dass jeder besonders angepasste Mensch zwangsläufig mit einem Narzissten zusammenlebt oder eine entsprechende Kindheit hatte. Echoismus beschreibt das sichtbare Verhalten, nicht automatisch dessen Ursache.
Wer sich darin wiedererkennt, kann im Alltag zunächst eine überraschend einfache Frage stellen: "Was will eigentlich ich?" Noch bevor automatisch zugesagt, nachgegeben oder ein Kompromiss angeboten wird, lohnt sich ein kurzer Moment für die eigenen Bedürfnisse.
Dasselbe gilt bei Konflikten: Statt sofort "Sorry" zu sagen, kann man prüfen: Was ist tatsächlich mein Anteil – und wofür ist mein Gegenüber verantwortlich?
Und manchmal darf eine Meinungsverschiedenheit einfach stehen bleiben. Andere dürfen enttäuscht sein, widersprechen oder eine andere Meinung haben. Die eigene Stimme deshalb leiser zu drehen, ist nicht nötig. Denn Rücksicht auf andere und Rücksicht auf sich selbst schließen einander nicht aus.