Schwarz verfärbte Hühnerleber, schleimiges Fleisch und ein Geruch, bei dem sich wohl so mancher Magen umdreht: Was normalerweise ohne Umweg im Mistkübel landen würde, wird auf Social Media plötzlich stolz in die Kamera gehalten – und anschließend gegessen. Hinter dem gewöhnungsbedürftigen Trend steckt sogenanntes "High Meat". Vor allem Männer aus der "Carnivore"-Szene versprechen sich davon erstaunliche Effekte.
Mehr Energie, bessere Verdauung, gute Laune und sogar höhere Testosteronwerte soll das monatelang gelagerte rohe Fleisch angeblich bringen. Das Problem: Für diese Versprechen fehlen überzeugende wissenschaftliche Belege.
Einer der Befürworter ist TikToker Marcus Yyoung: In seinen Videos verspeist er unter anderem rohe Leber, die nach eigenen Angaben bereits vier Monate in seinem Kühlschrank gelegen hat.
Die darin enthaltenen Bakterien würden den Darm "entgiften", mehr Vitamin K2 liefern und sogar für Euphorie sorgen, behauptet er. Durch zusätzliche Bakterien im Darm werde außerdem die Produktion von Dopamin und Serotonin angekurbelt. "High Meat" bezeichnet er deshalb sogar als eine Art "Antidepressivum".
Wissenschaftlich belegt sind diese weitreichenden Versprechen nicht. Auch geschmacklich klingt das Experiment wenig verlockend: Yyoung beschreibt das Fleisch unter anderem als bitter und schleimig.
Ähnlich präsentiert sich TikToker "Fleshgod". Er zeigt rohe Innereien wie Lammherz und Lammniere und verbindet deren Verzehr mit mehr Energie beim Training. Noch drastischer wird es bei einer Leber, die laut ihm seit rund fünf Monaten lagert, sowie schwarz verfärbter Hühnerleber. Die darin enthaltenen Mikroorganismen bezeichnet er als "Probiotika". Auch hier gilt allerdings: Dass der Verzehr solcher Lebensmittel Training, Darmflora oder Hormonhaushalt verbessert, ist nicht durch entsprechende klinische Studien belegt.
Der Trend passt zur wachsenden "Carnivore"-Szene, deren Anhänger nahezu ausschließlich tierische Lebensmittel konsumieren. Eine Analyse von 1.169 Instagram-Beiträgen von 19 "Carnivore"-Influencern zeigte, dass dort unter anderem mehr Energie, bessere Verdauung, Muskelaufbau und hormonelle Vorteile versprochen werden.
Hier liegt ein entscheidender Unterschied: Anhänger von "High Meat" sprechen gerne von "Fermentation". Doch kontrolliert fermentierte Lebensmittel entstehen unter definierten Bedingungen. Bei Fleischwaren werden etwa geeignete Kulturen, Temperatur, Salzgehalt und weitere Faktoren genutzt, um den Prozess zu steuern und das Wachstum unerwünschter Keime zu begrenzen.
Ein Stück rohes Fleisch einfach monatelang in einem Glas im Kühlschrank aufzubewahren, ist damit nicht gleichzusetzen. Welche Mikroorganismen sich dabei vermehren, lässt sich mit bloßem Auge oder anhand des Geruchs nicht zuverlässig feststellen.
Rohes Fleisch kann unter anderem mit krankmachenden Bakterien wie Salmonellen, Campylobacter oder bestimmten E.-coli-Stämmen belastet sein. Werden solche Keime aufgenommen, können schwere Lebensmittelinfektionen die Folge sein.
Auch die Vorstellung "mehr Bakterien gleich besserer Darm" greift zu kurz. Für die Darmgesundheit ist entscheidend, welche Mikroorganismen vorhanden sind und wie sie miteinander und mit dem Körper zusammenspielen.