Fast zwei Jahrzehnte hat es gedauert: Christian Stocker (ÖVP) ist am Donnerstag der erste österreichische Bundeskanzler seit 19 Jahren, der Polen offiziell besucht. Polens Premier Donald Tusk empfängt ihn mit militärischen Ehren.
Die beiden Parteifreunde kennen einander gut, nicht nur von den regelmäßigen EU-Gipfeltreffen. Erst Ende Juni kamen sie in Tusks Heimatstadt Danzig zusammen, wo Stocker an der Ukraine-Wiederaufbaukonferenz teilnahm.
Auf dem Programm stehen Gespräche über Wirtschaft, Migration, Sicherheit und die EU. Stockers Botschaft ist klar: Wien und Warschau sollen enger zusammenrücken. "Wenn wir unsere Kräfte bündeln, haben wir mehr Gewicht", sagt der Kanzler.
Vor allem wirtschaftlich setzt Stocker große Hoffnungen auf Polen. Das Land ist bereits Österreichs fünftwichtigster Exportmarkt weltweit.
"Polen ist sowohl die größte als auch die am stärksten wachsende Volkswirtschaft im östlichen Teil der EU. Dadurch ergeben sich für unsere heimischen Unternehmen enorme Chancen", so Stocker.
Ein Beispiel ist die Erste Group. Sie hat Anfang 2026 einen kontrollierenden Anteil von 49 Prozent an der damaligen Santander Bank Polska übernommen. Die Transaktion hatte ein Volumen von knapp sieben Milliarden Euro. Erste-Chef Peter Bosek ist deshalb auch Teil der österreichischen Delegation.
Auch auf der Schiene soll Österreich näher an Polen rücken. Stocker verweist auf den Ausbau der Nordbahn von Wien bis Břeclav, in den Österreich rund eine Milliarde Euro investiert. "Dadurch wollen wir einen Beitrag leisten, dass sich die Fahrtzeit von Wien nach Warschau langfristig von rund acht auf etwa vier Stunden halbiert", erklärt der Kanzler.
Beim Thema Energie nimmt sich der Kanzler die EU vor. "Wir alle leiden unter dem hohen Gaspreis – auch Polen." Solange das Merit-Order-System bestehe, zahle Österreich trotz seines hohen Anteils erneuerbarer Stromerzeugung Preise, die maßgeblich vom Gas beeinflusst würden.
"Ich fordere daher, dass auf europäischer Ebene dringend Maßnahmen auf den Weg gebracht werden, um den Gaspreis zu senken. Denn er ist letztlich maßgeblich für den Strompreis." Diese Forderung hatte Stocker erst am Dienstag bei einem Treffen mit EU-Ratspräsident António Costa in Wien erhoben.
Stocker besucht in Warschau auch das Hauptquartier der EU-Grenzschutzagentur Frontex. "Ein funktionierender EU-Außengrenzschutz ist Bedingung für eine faire und konsequente Migrationspolitik", erklärt er. Österreich unterstütze Frontex unter anderem bei Rückführungen.
Der Kanzler verweist dabei auf die heimischen Zahlen: "Im ersten Halbjahr 2026 gab es in Österreich mehr Außerlandesbringungen als neue Asylanträge." Laut Innenministerium standen im ersten Halbjahr rund 4.900 Asylanträgen mehr als 7.000 Außerlandesbringungen gegenüber.
Stocker macht zudem klar: "Asylverfahren und Rückkehrzentren in Drittstaaten sind für Österreich oberste Priorität."
Zum Abschluss gibt es noch eine Einladung an Tusk. Auch dessen letzter offizieller Besuch als polnischer Regierungschef in Österreich liegt rund 15 Jahre zurück. Stocker: "Ich freue mich, eine herzliche Gegeneinladung nach Wien auszusprechen."