Abends im Bett, das Zimmer nur schwach beleuchtet, ein Buch in der Hand. Die Augen werden schwer, die Seiten verschwimmen langsam – und irgendwo im Hinterkopf meldet sich dieser Gedanke: Ist das eigentlich schlecht für die Augen? Viele sind mit genau dieser Warnung aufgewachsen, doch was ist wirklich dran? Augenoptikermeister David Vogelhuber räumt mit einem der hartnäckigsten Alltagsmythen auf.
Die klare Antwort überrascht: "Nach dem heutigen Stand der Augenheilkunde gibt es keine Hinweise darauf, dass Lesen bei schwachem Licht die Sehkraft tatsächlich dauerhaft verschlechtert", erklärt Vogelhuber im "Heute"-Interview.
Was viele also jahrelang gehört haben, stimmt so nicht: Dauerhafte Schäden entstehen durch Lesen im Schlummerlicht nicht. Trotzdem ist das Ganze nicht völlig unproblematisch: "Was allerdings stimmt, ist, dass Lesen bei zu wenig Licht anstrengender für die Augen ist."
Sobald es dunkler wird, stellt sich das Auge automatisch um: "Die Pupille erweitert sich, damit mehr Licht ins Auge gelangen kann." Das klingt praktisch, hat aber einen Haken: Durch die größere Pupille nimmt die Tiefenschärfe ab.
Bedeutet: Das Auge muss stärker arbeiten, um Buchstaben klar zu erkennen. Gleichzeitig sind bei wenig Licht vor allem die sogenannten Stäbchen aktiv – sie reagieren gut auf Helligkeit, sind aber schlechter darin, Details zu erkennen. Das Ergebnis: "Das Auge muss stärker arbeiten, die Muskeln werden mehr beansprucht und wir müssen uns mehr konzentrieren", erläutert der Augenoptikermeister.
Lesen im Halbdunkel strengt an: Die Augen werden schneller müde, beginnen zu brennen oder fühlen sich trocken an.
Der Grund liegt in mehreren Faktoren: Einerseits müssen die Augenmuskeln stärker fokussieren. Andererseits blinzeln wir beim konzentrierten Lesen weniger – der Tränenfilm trocknet schneller aus. "Genau dieses Zusammenspiel sorgt dafür, dass sich Lesen bei schwachem Licht für viele Menschen deutlich anstrengender anfühlt", so Vogelhuber.
Auch wenn keine bleibenden Schäden entstehen, kann schwaches Licht kurzfristige Symptome auslösen.
Die gute Nachricht: Diese Beschwerden sind meist harmlos. "Jene sind nur vorübergehend und verschwinden normalerweise wieder, sobald die Augen sich erholen", verrät der Optiker gegenüber "Heute".
Ganz egal, ob Buch oder Bildschirm: Gute Lichtverhältnisse machen einen großen Unterschied. Vogelhuber empfiehlt eine helle, gleichmäßige Beleuchtung ohne Blendung.
Ideal ist es, wenn das Licht seitlich oder von hinten auf die Seite fällt. Besonders angenehm: warmweißes Licht mit etwa 400 bis 500 Lux. Und auch Pausen sind wichtig – sie geben den Augen Zeit, sich zu entspannen.
Für gesunde Augen ist Lesen bei schwachem Licht grundsätzlich kein Problem. Es gibt jedoch Gruppen, die empfindlicher reagieren: "Das sind einerseits Menschen mit Sehschwäche, ältere Menschen und Menschen mit trockenen Augen oder Augenerkrankungen", betont der Augenoptikermeister abschließend.