Glitzernde Handyhüllen, funkelnde Bücher und mit Strasssteinen beklebte Vitaminboxen: Was lange nach Bastelstunde oder Kindergeburtstag klang, entwickelt sich auf TikTok gerade zu einem überraschenden Trend. Unter dem Begriff "Bedazzling" zeigen Nutzer, wie sie Alltagsgegenstände mit kleinen Glitzersteinen verzieren – und dabei plötzlich entspannter, ruhiger und sogar glücklicher werden wollen.
Was auf den ersten Blick absurd wirkt, hat laut Experten tatsächlich psychologische Effekte. Besonders die amerikanische Kunsttherapeutin und Psychologin Allie Joy sieht in dem Trend weit mehr als nur ein virales Hobby. Für sie ist "Bedazzling" eine kreative Form der Selbstberuhigung.
Der beruhigende Effekt liegt laut Joy vor allem in der Wiederholung. Stein aufnehmen, platzieren, andrücken – immer und immer wieder. Genau diese monotonen Bewegungen wirken laut der Therapeutin beruhigend auf das Nervensystem. "Wiederholende Bewegungen helfen bei Stressregulation und emotionaler Entspannung", erklärt sie im "Time"-Interview. Viele Menschen würden beim "Bedazzling" automatisch langsamer werden und stärker im Moment ankommen.
Hinzu kommt der sogenannte "analoge Effekt": Statt permanent aufs Handy zu schauen, konzentriert man sich plötzlich vollständig auf eine kreative Tätigkeit mit den Händen. Genau das falle vielen Menschen heute zunehmend schwer.
Laut Joy passt der Trend perfekt zur aktuellen Sehnsucht nach analogen Hobbys. Immer mehr Menschen versuchen bewusst, ihre Bildschirmzeit zu reduzieren und wieder Dinge zu tun, die nicht digital stattfinden.
"Apps allein helfen oft nicht dabei, weniger am Handy zu sein", erklärt die Therapeutin. Kreative Projekte hingegen würden Menschen viel stärker ins Hier und Jetzt holen. Bei ihren Workshops beobachte sie deshalb immer wieder dasselbe: Kaum jemand greift dort noch ständig zum Smartphone.
Das "Bedazzling" eignet sich auch für Menschen, die von sich selbst behaupten, überhaupt nicht kreativ zu sein. Denn anders als beim Zeichnen oder Malen müsse man hier nicht bei null anfangen. "Eine leere Leinwand überfordert viele Menschen", erklärt sie. Das Bekleben mit Strasssteinen funktioniere dagegen fast wie "Malen nach Zahlen", nur eben mit Glitzer.
Joy selbst lebt nach eigenen Angaben mit ADHS und beschreibt ihren Alltag oft als "ständiges Pingpong im Kopf". Gerade deshalb habe ihr das "Bedazzling" geholfen, länger bei einer Sache zu bleiben und Geduld zu entwickeln. Das Besondere daran: Niemand müsse sofort ein perfektes Kunstwerk erschaffen. Man könne fünf Steinchen kleben, pausieren – und Tage später weitermachen.
Der Trend gilt außerdem als besonders niederschwellig. Einsteiger-Sets mit Strasssteinen, Kleber und speziellen Wachsstiften gibt es online bereits für wenige Euro. Wer klein anfangen möchte, könne laut Joy einfach Alltagsgegenstände verschönern: Ladegeräte, Handyhüllen, Hautpflegeprodukte oder alte Taschenbücher.