Ein Samstagvormittag, volle Geschäfte, lange Schlangen vor den Umkleidekabinen. Routiniert wandert die gewohnte Größe vom Kleiderständer ins Einkaufssackerl – schließlich weiß man ja, was passt. Doch hinter dem Vorhang folgt die Überraschung: Die Jeans spannt, das Kleid sitzt wie eine zweite Haut oder wirkt plötzlich zwei Nummern zu groß. Eine Schneiderin erklärt, warum das so ist und was es mit dem sogenannten "Vanity Sizing" auf sich hat.
Auf Social Media sorgt das Thema regelmäßig für Diskussionen: Mode-Influencerin Alea O'Shea probiert sich in einem TikTok-Clip durch verschiedene Modemarken. Ihr Fazit: "Manchmal bin ich ein Small und manchmal bin ich ein Medium." Auch TikTokerin Grace Tutty macht das Größen-Wirrwarr sichtbar: In ihrem Kleiderschrank hängen Teile von XS bis L – alle passen. Ihre Forderung ist deutlich: "Die Größen von Damenbekleidung müssen standardisiert werden. Es ist so frustrierend."
Modedesignerin Maria Gavel vom Nähatelier Gavel bestätigt gegenüber "20 Minuten", dass Konfektionsgrößen je nach Marke stark variieren. "Es ist unmöglich, das System zu standardisieren", erklärt sie.
Viele Labels positionieren sich bewusst in bestimmten Lifestyle-Segmenten – jung, sportlich, luxuriös oder trendbewusst. Kleidung wird nicht nur über ihre Passform verkauft, sondern über ein Image: Die Schnitte orientieren sich daher an Zielgruppen, nicht an einer einheitlichen Norm.
Um eine Durchschnittsgröße zu definieren, werden Personen vermessen und meist nach einem Hauptmerkmal, nämlich dem Brustumfang, eingeteilt. Doch Körpergröße, Proportionen und individuelle Umfänge unterscheiden sich erheblich. Hinzu kommt: Große Marken entwickeln oft nicht jede Größe einzeln. Stattdessen wird ein Basisschnitt hoch- oder runtergerechnet: "Je weiter eine Größe von dieser Basis entfernt ist, desto schlechter kann die Passform sitzen", so Gavel.
Auch zwischen Ländern bestehen Unterschiede: Besonders deutlich seien diese zwischen Nord- und Südeuropa. Lokale Unternehmen passen ihre Größentabellen an die jeweilige Bevölkerung an. Das erklärt, warum etwa H&M anders ausfällt als Zara.
Zusätzlich mischt das sogenannte "Vanity Sizing" das System auf: Dabei werden Etiketten bewusst kleiner ausgezeichnet, obwohl das Kleidungsstück objektiv größer ist. "Hersteller nutzen diesen Trick, um Kunden ein besseres Gefühl zu vermitteln und dadurch den Verkauf anzukurbeln", verrät die Schneiderin im "20 Minuten"-Interview. Eine kleinere Zahl auf dem Zettel wirkt schmeichelhaft und kann die Kaufentscheidung beeinflussen.
Schon im 20. Jahrhundert versuchte man, Standardgrößen einzuführen, doch diese wurden mehrfach revidiert. Trends, Marketingstrategien und Zielgruppenverschiebungen haben das System weiter aufgeweicht. Die Folge: ein kaum durchschaubares Nebeneinander verschiedenster Maßtabellen.
Für viele geht es längst nicht mehr nur um Stoff und Schnitt, sondern um Selbstwahrnehmung: Gavel betreut häufig Menschen auf der Suche nach der "perfekten Passform". Doch was perfekt ist, empfindet jeder anders. Manche wünschen sich Hosen, die jede Bewegung mitmachen, andere legen Wert darauf, bequem sitzen zu können oder sich schlicht attraktiv zu fühlen. Die ideale Größe ist daher weniger eine Zahl als ein individuelles Empfinden.