Auf TikTok greifen immer mehr Menschen zu Pinsel und Papier, um mit "Somatic Drawing" ihre seelischen Traumata zu verarbeiten. Doch ist das wirklich so einfach? Eine Kunsttherapeutin gibt Auskunft und warnt vor Risiken, wenn man sich allein an diese Methode wagt.
In Zeiten von Dauerstress und digitaler Reizüberflutung sehnen sich viele nach Entschleunigung. Kreativ-Ateliers schießen aus dem Boden und Stricken, Töpfern oder Malen erleben ein Comeback. Doch beim somatischen Zeichnen geht es um mehr als nur ein neues Hobby. Hier wird der Körper bewusst einbezogen: Es wird im Stehen gemalt, oft auf großem Format, manchmal sogar mit beiden Händen gleichzeitig. Ziel ist es, nicht nur den Kopf, sondern auch das Nervensystem zu aktivieren.
"Unsere Erfahrungen sind im Körper gespeichert", erklärt Kunsttherapeutin Bettina Eberle gegenüber "20 Minuten". "Besonders belastende Erlebnisse werden durch einen Schutzmechanismus fragmentiert gespeichert und sind dadurch unserer Sprache nicht direkt zugänglich."
Malen könne helfen, solche Erfahrungen zunächst bildlich zu erfassen – und sie später vielleicht auch in Worte zu fassen: "Das ist essenziell. Denn was wir in die Sprache bringen können, können wir auch verstehen", so Eberle.
Beim somatischen Malen zählt nicht das perfekte Bild: "Man kann nichts falsch machen und muss nichts richtig machen – wenn es um die Freude am Ausprobieren geht, können wir Erleichterung erleben", verrät die Kunsttherapeutin im "20 Minuten"-Interview.
Bewegung spielt dabei eine zentrale Rolle: "Jede Emotion hat eine Art eigene Bewegung." Wut kann sich in kräftigen, schnellen Linien zeigen, Traurigkeit vielleicht in weichen, fließenden Formen. Indem der Körper mitarbeitet, entstehen andere Zugänge als über reines Nachdenken.
So positiv der Trend klingt, so klar zieht die Expertin eine Grenze: Nicht jedes Thema eignet sich für die Selbsttherapie am Küchentisch. "Im Alleingang ein Trauma zu bearbeiten, tiefe biografische Themen zu durchleuchten oder starke emotionale Prozesse heraufzubeschwören, erachte ich als gefährlich, da das Risiko einer Retraumatisierung besteht", warnt Eberle.
Das bedeutet: Wer mit schweren, belastenden Erinnerungen kämpft, sollte sich professionelle Begleitung suchen. Somatisches Malen kann unterstützend wirken, ersetzt aber keine Therapie.
Wer sich trotzdem selbst ans Malen wagt, sollte auf leichte Themen setzen und sich nicht überfordern: "Sicher ist, mit offenen, leichten Themen zu arbeiten, den Fokus auf Farben, Formen und ressourcenorientierte Themen zu legen, nicht auf schwierige Inhalte."
Warnsignale sind zum Beispiel anhaltende Unruhe, das Gefühl, festzustecken, oder wenn dich belastende, vergangene Geschehnisse nicht loslassen: "Auch wenn wir nach dem Malen nicht schlafen können oder uns wiederkehrend belastende Bilder einholen, empfehle ich, dies mit einer Fachperson einzuordnen", erläutert die Kunsttherapeutin schließlich.