Die Österreichische Ärztekammer (ÖAK) rührt erneut die Werbetrommel für die sogenannte "ärztliche Hausapotheke". Die bedeutet, dass Ärzte direkt in ihren Praxen die Patienten mit Medikamenten versorgen dürfen. Ihre Forderung untermauert die ÖÄK jetzt mit einer Studie des Beraternetzwerks Kreutzer Fischer & Partner.
Laut dieser Studie sprechen drei Argumente für solche Hausapotheken: Zum einen ließen sich dadurch die Wegzeiten der Patienten für die Besorgung von Medikamenten deutlich reduzieren. So könnten volkswirtschaftliche Kosten von zumindest 160 Millionen Euro eingespart werden.
"Zum anderen entlastet eine hausarztzentrierte Medikamentenverabreichung die Umwelt. Die privaten Pkw-Fahrten zur Beschaffung von rezeptpflichtigen Medikamenten verursachen jährlich CO2-Emissionen von rund 30.000 Tonnen", führte Studienautor Andreas Kreutzer aus. Drittens wäre der Ausbau ärztlicher Hausapotheken eine wirksame Maßnahme, um die Gesundheitsversorgung auch in ländlichen, spärlich besiedelten Regionen dauerhaft abzusichern.
Kreutzer betont, dass finanzielle Befürchtungen seitens der Apotheker unbegründet seien. Auch bei einem Ausbau ärztlicher Hausapotheken wäre die wirtschaftliche Existenz der öffentlichen Apotheken nicht gefährdet.
Auch ÖÄK-Präsident Johannes Steinhart plädiert für einen Ausbau: "Es ist unverständlich und nicht zumutbar, dass kranke Menschen immer noch gezwungen werden, oft zig-kilometerlange Strecken auf sich zu nehmen, um zu ihrem dringend benötigten Medikament zu kommen, obwohl sie es bei ihrer Ärztin oder ihrem Arzt sehr einfach beziehen könnten." Kritik übt Steinhart am "antiquierten Gebietsschutz der Apotheken", an dem der Ausbau der ärztlichen Hausapotheken scheitere.
Insgesamt spricht Steinhart von einer "win-win-win-Situation ohne nennenswerte Nachteile" durch mehr ärztliche Hausapotheken. "Wenn jetzt nicht gehandelt wird, wann dann", appelliert er auch an die Politik.
Unterstützung für die Forderung der Ärzte kommt von SPÖ-nahen Pensionistenverband. "Wohnortnahe Gesundheitsversorgung muss gerade für ältere Menschen und insbesondere im ländlichen Raum gesichert sein", sagt Präsidentin Birgit Gerstorfer. Ärztliche Hausapotheken würden es Patienten ermöglichen, notwendige Medikamente unmittelbar im Anschluss an die ärztliche Behandlung zu erhalten. Und sie könnten dazu beitragen, Hausarztstellen in ländlichen Regionen attraktiver zu machen.
Gerstorfer appelliert, öffentliche Apotheken und ärztliche Hausapotheken nicht gegeneinander auszuspielen. Beide seien "wichtige Teile einer funktionierenden Gesundheitsversorgung".
Doch dieser Appell dürfte ungehört bleiben. In einer Aussendung warnte die Apothekerkammer vor einer "Gefährdung der Versorgungssicherheit" durch die Medikamentenabgabe in der Arztpraxis. "Österreichs 1.470 öffentliche Apotheken nehmen die Versorgung der Bevölkerung mit Medikamenten in guter und bewährter Weise wahr – rund um die Uhr, 365 Tage im Jahr. Es braucht daher keine weiteren Notabgabestellen für Arzneimittel in den Arztpraxen, denn es gibt kein Problem mit der Bereitstellung von Medikamenten in den Apotheken", so Kammer-Vizepräsident Raimund Podroschko.
Die Forderung der Ärztekammer sei "gesundheitspolitisch fahrlässig". Denn sie entziehe den Apotheken ihre wirtschaftliche Basis und schwäche dadurch das Gesundheitssystem nachhaltig. Ein Ausbau des Netzes ärztlicher Notabgabestellen diene nur dazu, Ärztinnen und Ärzten zusätzliche Einnahmen zu sichern.
Übrig bleibt also – wie in Österreich durchaus üblich – wieder einmal ein Streit ums liebe Geld …